Erschöpft brachte ich die letzten Stufen bis zu meiner Wohnung hinter mich. Diesen Tag würde ich am liebsten aus dem Kalender streichen, besser noch aus meinem Gedächtnis. Meine rechte Hand zitterte, als ich die Wohnungstür aufschloss und heftig hinter mir zuknallte. Fahles Neonlicht fiel von draußen ins Wohnzimmer herein, als ich mich aufs Sofa fallen ließ. Warum musste das ausgerechnet mir passieren, fragte ich mich und fühlte, wie das Selbstmitleid sich meiner bemächtigte und mir endlich die erlösenden Tränen verschaffte.
 
                                   **************
 
Aufgewacht in den Armen meines langjährigen Freundes Fabian und einem anschließenden Frühstück hatte der Tag so schön begonnen. Es war Mitte März und die milden Temperaturen kündigten den baldigen Frühling an. Wie an jedem Morgen spazierte ich auch heute in allerbester Laune ins Büro. Meine zwei Kolleginnen strahlten mit der Sonne um die Wette und begrüßten mich fröhlich.
Auf meinem Schreibtisch lagen bereits einige Akten, die ich heute bearbeiten musste, und obendrauf ein Brief: Der Brief! Ich nahm ihn zur Hand.
„Hat Struwe vor ein paar Minuten gebracht“, erklärte Renate, die mir gegenüber saß.
Struwe, der Laufbursche unseres Personalbüros, schoss es mir durch den Kopf. War das endlich mein fester Arbeitsvertrag, auf den ich so sehnsüchtig wartete? Der stellvertretende Personalchef hatte mir vor einem Monat in mündlicher Form Hoffnungen darauf gemacht, und ich war – vielleicht zu voreilig? - sofort zur Sparkasse geeilt, um mir einen Kredit aufzunehmen. Auch meine neuen Möbel waren schon bestellt.
 
In Windeseile riss ich das Kuvert auf und las, was auf dem Bogen Papier schwarz auf weiß geschrieben stand. Der Brief war kurz, doch er schlug ein wie eine Bombe.
Aus! Dachte ich, das war’s wohl, wäre auch zu schön gewesen. Das Blatt fiel mir aus der zittrigen Hand. Niedergeschlagen saß ich da und in meinem Kopf hämmerten wie im Takt die wenigen Zeilen:
 
 Sehr geehrte Frau Koch,
 
wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Ihr befristeter Arbeitsvertrag zum Ende des Monats nicht verlängert wird. Wir waren mit Ihren Leistungen sehr zufrieden und bedauern sehr diese personalbedingte Entscheidung. Wir wünschen Ihnen auf Ihrem weiteren Lebensweg viel Glück!
Mit freundlichen Grüssen
Heinz Baumeister – Personalabteilung.
 
Viel Glück! Diese Worte klangen in meinen Ohren wie der blanke Hohn. 
Die Lust zum Arbeiten war mir gründlich vergangen, und nur durch gutes Zureden und Mitgefühl meiner Kolleginnen schaffte ich es aber dennoch, selbst die letzte Aktenmappe kurz vor Büroschluss zu schließen. Dann kam Fabians SMS aufs Handy: „Treffe dich um Acht bei Gino, muss mit dir reden.“ Weiter nichts und ein ungutes Gefühl beschlich mich.
 
Was wollte Fabian mir erzählen? Diese Frage beschäftigte mich auf dem Weg zur Bushaltestelle. Meine Neugier war geweckt. Wollte er nun endlich, dass ich bei ihm einzog? Aber um mir so etwas Wichtiges zu sagen, bestellt er mich doch nicht in ein öffentliches Lokal, das hätte er mir doch nach unserer letzten gemeinsamen Nacht mitteilen können.
 
Ich überlegte nicht lange: Warum erst bis heute Abend warten? Ich würde sofort zu Fabian fahren. Er hatte ein paar Tage Urlaub und vielleicht traf ich ihn zuhause an. Für einen Augenblick war meine Kündigung in den Hintergrund getreten, und ich freute mich auf Fabian, auch wenn wir uns erst am Morgen getrennt hatten.
Er wohnte, genau wie ich, in einem Mehrfamilienhaus, und wenig später stand ich, den Schlüssel griffbereit, vor seiner Wohnung. Da hörte ich Stimmen hinter der geschlossenen Tür und das Lachen einer Frau. Ich stutzte. Hatte Fabian etwa Besuch? Vorsichtig betrat ich die Diele und drückte die Tür sacht hinter mir ins Schloss. Wieder Lachen, Fabians und das einer Frau. Die Schlafzimmertür stand offen, und ohne zu zögern ging ich geradewegs darauf zu. Was ich sah, ließ mein Blut gefrieren: Fabian lag mit einer anderen Frau im Bett und das, was sie taten, war wohl kaum misszuverstehen. Mir wurde schwarz vor Augen, und ich bin zum ersten Mal in meinem Leben in Ohnmacht gefallen.
 
„Nun weißt du es endlich. Ich hätte es dir lieber schonender beigebracht.“, sagte Fabian, als es mir wieder besser ging. Ich lag auf der Couch, und er reichte mir ein Glas Wasser, „trink“, bat er, doch ich schlug es ihm aus der Hand, erhob mich und eilte noch etwas benommen zur Tür. Ich hatte nur noch den einen Wunsch: So schnell wie möglich seiner Nähe zu entfliehen.
 
Ziellos lief ich durch die Straßen, ließ die Stadt hinter mir. Auf einer Fußgängerbrücke blieb ich stehen und schaute hinunter in den Fluss. Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren, nur diese unsagbare Leere in mir. Wie sollte es jetzt weitergehen? An einem einzigen Tag hatte ich alles verloren, was mein Leben ausmachte: den Freund und meinen Job.
Dazu hingen mir ein Kredit am Hals und die bestellten Möbel. Wenn das alles kein Grund zu einer Verzweiflungstat war….
 
Unentwegt starrte ich hinunter ins Wasser. Es war bestimmt sehr kalt und ich keine gute Schwimmerin. Einen Sprung würde ich sicher nicht überleben. „Wer wird mich eigentlich vermissen, wenn ich es tue?“, ging es mir durch den Kopf.  Ich musste an meine Eltern denken, die mir sicher Vorwürfe machen würden, weil ich so voreilig Geld aufgenommen hatte. Und an meine Freundinnen, mit denen mich so viel verband. Durfte ich das einfach aufgeben? Mich aufgeben?
 
Ich starrte unentwegt weiter ins Wasser, als erwarte ich von ihm die Entscheidung. Die Sonne, die mittlerweile in ein rot-gold gewechselt hatte und ihren baldigen Untergang ankündigte, spiegelte sich in den leicht schaukelnden Wellen. Ein paar fröhlich lachende Kinder, etwa zwölf oder dreizehn Jahre, fuhren auf ihren Fahrrädern an mir vorbei. Wie glücklich sie waren! Und ich? Deprimiert begab ich mich auf den Heimweg….
 
                                     ***************
 
Das Klingeln an der Wohnungstür riss mich aus meiner Versunkenheit. Fabian! Mein erster Gedanke, und ich öffnete.
„Guten Abend, Frau Koch, hätten Sie für mich vielleicht….“ Frau Köhler, die nette, alte Dame, die nebenan wohnte, brach ab und schaute mich an. „Sie haben ja geweint! Was ist denn geschehen?“, wollte sie wissen. Im Wohnzimmer erzählte ich ihr von meinem Kummer.
Sie setzte sich zu mir auf die Couch und legte mütterlich ihren Arm um meine Schulter: „Ach, Mädchen, es gibt immer mal wieder Augenblicke, in denen man meint, die Welt nicht mehr zu verstehen. Aber das geht vorbei, du bist so jung, gesund und dein Leben liegt noch vor dir. Es gibt Menschen, denen geht es weitaus dreckiger, glaub einer alten Frau. Und nun trinken wir zusammen ein Gläschen Wein, ich habe drüben eine Flasche für bestimmte Gelegenheiten.“
„Wollten Sie nicht etwas von mir?“, fragte ich zaghaft. Sie winkte ab: „Das ist jetzt nicht mehr wichtig. Bis gleich.“ Dann war sie verschwunden. Ich holte zwei Gläser und dachte an Frau Köhlers Worte. Wie recht sie hatte! Gleichzeitig fielen mir die lachenden Kinder wieder ein, und ich atmete tief durch.
 
 
 
 
      

 


powered by Beepworld