Endlich geschafft!
Sarah blickte stolz auf das hübsche blaue Emailleschild mit der sonnengelben Schrift: „Haus Sonnenschein“, das über dem Eingangsportal ihres Kinderparadieses hing.
„War das wirklich die richtige Entscheidung?“, fragte Sven, ihr großer Bruder, der neben ihr stand.
„Ja, ganz bestimmt“, antwortete die junge Frau. „Großvater hätte es auch so gewollt. denn er liebte Kinder ebenfalls über alles.“
„Noch hast du keine Gäste, Sarah, ich glaube, die größte Arbeit steht dir noch bevor.“ Sven war ein ewiger Pessimist. Sie hakte sich bei ihm ein.
„Warte es nur ab, Bruderherz. Es muss einfach klappen.“ Die Geschwister hatten von ihrem Großvater das leerstehende, kleine Hotel geerbt, nebst Bargeld, und so wurde das Kinderparadies Haus Sonnenschein geboren.
  
„Du hast auf jeden Fall meine vollste Unterstützung, aber ich frage mich nun, wie du zusätzlich Gelder auftreiben willst, um den Betrieb flott zu bekommen.“
 
Das war auch Sarahs größte Sorge, und sie würde um einen Bankkredit wohl kaum herumkommen.  Alleine mit ihrer großen Kinderliebe war es nicht getan. Selbst die Tatsache, eine voll ausgebildete Kinderpflegerin zu sein, die in Abendkursen sogar ein Studium für Psychologie absolviert hatte, mit Diplom, reichte bei Weitem nicht aus. Großvaters Geld war bis auf eine Kleinigkeit verbraucht und da gab es ja auch noch Sven. Er hatte mit all seinen Wünschen zurückgestanden, damit sie sich diesen Traum erfüllen konnte.
„Ich bin wirklich froh, dass du da bist Sven und mir helfen willst. Und ich habe ein schlechtes Gewissen, weil du bei dieser ganzen Sache fast leer ausgehst.“ Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange.
„Mach dir um mich bloß keine Sorgen, Schwesterchen. Ich habe einen Beruf und verdiene dabei wirklich nicht schlecht. Andererseits: Wenn du zufrieden bist, dann bin ich es auch.“
 
Sven versprach auf jeden Fall, ihr die ganzen Wege der Bürokratie, die nun bevorstanden,  abzunehmen. Dazu gehörte auch die Werbung für ihr Kinderparadies. Darüber war Sarah ihm sehr dankbar. Es würde noch einige Wochen dauern, bis auch die letzten Feinheiten im Hause erledigt waren. Durch ihre Berufserfahrung wusste sie, was Kindern Freude machte. Auch war es ihr nicht wichtig, möglichst viele Kinder zu beherbergen, um somit einen höheren Gewinn zu erzielen. Nein, wohlfühlen sollten sie sich, wenn sie hier ihre Ferien verbrachten, damit die Eltern – meist jüngerer Kinder – einmal entspannen und Urlaub machen konnten. Und dafür hatte sie ‚Haus Sonnenschein’ ins Leben gerufen.
 
In den nächsten Wochen war Sarah damit beschäftigt, die Gästezimmer zu inspizieren und nachzusehen, ob noch irgendetwas fehlte. Es gab insgesamt 12 Zimmer mit Balkon, Dusche und WC. Ein großes Spielzimmer und zwei Wohnzimmer, eines sogar mit Fernsehgerät. Alle waren mit bequemen Möbeln ausgestattet. Ebenfalls gab es ein Esszimmer mit Tischen für jeweils vier Kinder und natürlich die Küche, in der es an nichts fehlte. Eine große Terrasse, die in der kalten Jahreszeit zu einem Wintergarten umgestaltet werden kann, lud zum Essen und ausspannen ein.
 
Im Kellergeschoss waren das Schwimmbad und der große Gymnastikraum untergebracht. Hier musste ein Kind sich ja wohlfühlen, dachte Sarah und war mächtig stolz auf das, was sie bisher geschaffen hatte. Wenn nur Sven bei seinen Behördenbesuchen erfolgreich war. Sie konnte es kaum erwarten, bis endlich die kleinen Gäste in dem schönen, kindergerechten Garten herumtollten. Ein kleiner Spielplatz und eine schöne Wiese zum Fußballspielen luden die Kinder zum verweilen und toben ein.  
 
Sarahs Geduld und Mühe sollte sich letzten Endes auszahlen. Sie musste natürlich ein paar Besuche von behördlicher Seite über sich ergehen lassen, die ihr ‚Haus Sonnenschein’ genau unter die Lupe nahmen, aber am Ende ging sie als Siegerin daraus hervor. Als sie mit ihrem Bruder alleine war, fiel sie ihm um den Hals.
„Du glaubst gar nicht, wie glücklich ich bin, dass es überstanden ist, und ich kann dir nur immer wieder für deine Hilfe Danke sagen.“
„Ist doch Ehrensache, Schwesterchen, aber noch hast du keine Gäste, also nicht ganz so optimistisch.“ Er lächelte aber bei diesen Worten. Natürlich wusste Sarah, dass ihr noch ein Stück Weg bevorstand. 
 
Sarah schrak auf! Ein Blick auf die Leuchtziffern ihres Weckers zeigte ihr, es war 3:15 Uhr. Sie wohnte in dem kleinen Anbau des Hotels und war alleine. Wieder vernahm sie dieses Geräusch. Allmählich bekam sie es doch mit der Angst zu tun. Mutig stand sie auf, zog den Morgenmantel über und verließ das Schlafzimmer. Etwas später erreichte sie durch eine Verbindungstür die Halle zum Hotel. Wieder war ein Geräusch zu vernehmen, es kam aus Richtung Küche. Langsam schlich sie sich zur Tür und späte durchs Schlüsselloch. Es war dunkel. Doch, da war ein Lichtstrahl, konnte von einer Taschenlampe sein. Sie atmete tief durch und stieß die Tür auf. Den Lichtschalter fand sie sofort und kurz darauf wurde die Küche in helles Licht getaucht. Sarahs Augen mussten sich erst an die Helligkeit gewöhnen, doch das ging dem kleinen „Einbrecher“ wohl genauso. Ein verschrecktes Mädchen blickte voller Furcht zu ihr herüber und Sarah sah, dass das Küchenfenster nur gekippt war. Das Kind musste sich also durch den Spalt gedrängt haben. Die Kleine war ja auch recht schmächtig.
„Wer bist du?“, fragte Sarah und ging auf sie zu.
„Ich…“, sie brach ab und schaute die Frau ängstlich an.
„Nun, du musst vor mir keine Angst haben, ich tue dir nichts. Du wolltest doch nicht etwa stehlen?“ Das Kind schüttelte den Kopf, doch Sarah glaubte es nicht so recht.
„Wie heißt du?“
„Teresa“, antwortete die Kleine.
„Bist du von zu Hause fortgelaufen?“, wollte die junge Frau nun wissen.
„Ich habe kein Zuhause mehr und ins Heim zu Frau Siebert gehe ich nie wieder.“ Aha, dachte Sarah, fortgelaufen also.
„Seit wann bist du unterwegs?“, fragte sie Teresa. Diese zuckte mit den Schultern.
„Na, dann schauen wir mal, ob etwas Essbares für dich zu finden ist. Komm mit in meine Wohnung.“ Sie lächelte Teresa freundlich an, so dass diese ihr anstandslos folgte. Mit Kindern, die aus dem Heim ausrissen, musste man vorsichtig und behutsam umgehen, dachte Sarah. Sie machte ihr ein belegtes Brot, dazu eine Tasse Kakao. Dann  überließ sie ihr das Bett, während Sarah selbst auf der Wohnzimmercouch versuchte, nochmals einzuschlafen.
 
Am nächsten Morgen hörte sich die junge Frau Teresas Geschichte von Anfang bis zum Ende an, ohne sie zu unterbrechen.
Dabei erfuhr sie, dass das fast 11jährige Mädchen erst vor einem Jahr die Eltern durch einen Wohnungsbrand verloren hatte. Freundliche Nachbarn kümmerten sich danach ein paar Tage um sie, dann holte eine Fürsorgerin die Kleine ab, und brachte sie in das Luisenstift. Laut Teresas Erzählungen herrschte dort ein strenges Regiment. Nicht einmal richtig sattessen konnte man sich, und die Kinder durften nur zu bestimmten Uhrzeiten in den Hof. Kam eines der Mädchen nach der Schule zu spät ins Heim zurück, weil es trödelte, gab es zur Strafe kein Mittagessen. Am meisten litt Teresa unter der kaltherzigen Leiterin, Frau Siebert, die oft auch mit dem Stock drohte, wenn ein Kind nicht folgte. Die Betreuerinnen waren zwar lieb, aber hatten keine Zeit für die Sorgen und Nöte der einzelnen Mädchen. Teresa berichtete Sarah noch, dass eines der Kinder Geburtstag hatte und entfernte Verwandte kurz zu Besuch kamen. Sie brachten einen großen Korb mit Leckereien mit, Schokolade, Kuchen, Plätzchen, Nüssen, Obst, Honig und Marmelade. Alles für die Kinder. Doch kaum war der Besuch fort, kassierte Frau Siebert alles ein und „verwahrte es“ bei sich auf.
Teresa aber war eines Mittags in das Büro der verhassten Heimleiterin geplatzt, weil sie sich wieder einmal ungerechtfertigt behandelt fühlte. Dabei sah sie, wie die ältere Frau sich an den leckeren Dingen, die eigentlich den Mädchen zustanden, vergriff.  Das zog wieder eine Strafe nach sich und damit stand für sie fest, so schnell wie möglich aus dem Heim abzuhauen.
 
Sarah wusste, dass sie die Polizei benachrichtigen musste. Sie fühlte sich für das Kind verantwortlich, das sie gleich ins Herz geschlossen hatte. Es war schlimm, wenn man die Eltern verlor, Sarah fühlte auch heute noch diesen Schmerz, wenn sie an den schon Jahre zurückliegenden Tod der Eltern dachte. Aber sie war erwachsen, wie schrecklich also musste der Verlust der Eltern ein kleines Kind erst treffen? Sie musste behutsam vorgehen.
„Teresa, du weißt doch, dass ich bei der Polizei anrufen muss, schließlich macht man sich im Luisenstift auch Sorgen.“ Die Farbe wich aus dem Gesicht des Kindes.
„Bitte nicht, ich gehe dort niemals mehr hin.“
„Ich will und darf dir keine Versprechungen machen, doch ich möchte dir helfen, aber du musst mich bitte dabei unterstützen, ja?“ Sarah schaute dem Mädchen in die Augen.
„Ja, wenn Sie das machen würden, aber nicht mehr dorthin, bitte.“ Teresas Blick war flehend auf Sarah gerichtet.
„Dann bringe ich dich jetzt ins Spielzimmer und du versprichst mir, nicht fortzulaufen.“
Teresa nickte.  
 
Nachdem sie das Luisenstift angerufen und auch die Polizei informiert hatte, fühlte sich Sarah fürs Erste beruhigt. Diese Frau Siebert schien wirklich kalt wie eine Hundeschnauze zu sein. Brüllte in den Hörer, als sei Sarah schwerhörig. Mit großer Mühe musste sie diese Frau beruhigen, und riss sich dabei sehr zusammen, um nicht ausfallend zu werden. Schließlich hatte sie am Ende doch die Telefonnummer des zuständigen Jugendamtes herausgerückt. Bei der Polizei war es schon erheblich schwieriger, denn diese wollten sogleich kommen, um das Mädchen abzuholen. Hier musste Sarah ihren ganzen Charme spielen lassen, um dies zu verhindern. Sie erklärte dem Beamten, dass das Kind sehr eingeschüchtert und verschreckt wirke und zu befürchten sei, dass sie wieder fortlief. Erst als sie versprach, auf Teresa aufzupassen, und das zuständige Jugendamt zu informieren, gab man sich zufrieden. Es war ohnehin Samstag und mit einem Anruf beim Amt musste sie bis Montag warten.
 
Sarah seufzte. Montag! Da kamen auch ihre ersten drei Feriengäste.
Seit ein paar Wochen lief das Inserat, und das Personal war auch schon eingestellt.
Anfangs würde sie sich mit einer Köchin und 2 Hausmädchen begnügen müssen. Erst einmal war abzuwarten, wie ‚Haus Sonnenschein’ bei ihren kleinen Gästen ankam. Und Sarah selbst würde auch kräftig mit anpacken, wo immer sie gebraucht wurde. Im Vordergrund allerdings ging es um das Wohl und die Betreuung der Kinder.
Eine geeignete Betreuerin fand sie in Heike Simon, mit der sie die Pflegerinnenschule besuchte, und das Anerkennungsjahr absolviert hatte.  Später würde sie personalseitig weitere Entscheidungen treffen. Sie musste die Leute ja auch bezahlen können. Sven hatte ihr seine finanzielle Unterstützung zwar angeboten, doch er brauchte sein Geld ja auch für seine Auslagen.
Doch nun stand das Wochenende erst einmal bevor.
Sarah zeigte Teresa das Haus und den Garten. Anschließend fuhren sie in die Stadt, um ein paar neue Kleidungsstücke für das Kind zu  kaufen. Nach dem Mittagessen, es gab Spaghetti mit Tomatensoße, gingen sie ins Schwimmbad. Teresa hatte großen Spaß und schien für eine Weile ihren Kummer zu vergessen. Am späten Nachmittag machten sie einen Spaziergang und Teresa erzählte von ihren Eltern. Sarah hörte aufmerksam zu, ohne sie zu unterbrechen. Die Kleine schien sehr unter diesem Verlust zu leiden und hätte wohl eher die Zuwendung einer lieben Person, vielleicht eine Verwandte, bedurft, als der Strenge eines Kinderheimes ausgesetzt zu werden.
Sarah wusste aus beruflicher Erfahrung, dass man dort sehr wenig Zeit für jedes einzelne Kind aufbringen konnte, weil es unter Anderem auch an Personal fehlte. Gefühle durfte man sich selten erlauben. Sarah liebte Kinder und sie wollte am liebsten allen ihre Liebe zeigen dürfen, aber in dem Heim, in dem sie einmal tätig gewesen war, ging dies nicht. Genauso wenig wohl auch in diesem „Luisenstift“.  
 
Am Abend schauten sie sich einen lustigen Tierfilm an und anschließend brachte Sarah das Kind in einem der Gästezimmer unter. Froh, endlich selbst in ihr Bett zu kommen, schlief sie auch sofort ein und erwachte erst, als die Sonne schon durch ihr Schlafzimmerfenster blinzelte. Teresa war schon auf und beschäftigte sich im Spielzimmer.
„Guten Morgen, Teresa.“, begrüßte sie ihren Schützling.
„Guten Morgen, Sarah.“ Sie hatte dem Mädchen erlaubt, sie beim Vornamen zu nennen.
„Nun frühstücken wir erst einmal gemütlich auf der Terrasse. Komm, hilf mir beim Tisch decken.“ Teresa tat anstandslos, was man ihr sagte, und schon zwanzig Minuten später saßen sie gemütlich zusammen.
„Kann ich nicht bei dir bleiben? Hier ist es so schön“, flehte das Kind. „Teresa, so einfach, wie du es dir vorstellst, geht das nicht. Das Jugendamt ist für dich verantwortlich, und ich sagte dir gestern schon, dass es Gesetze gibt, die man nicht übergehen darf. Ich weiß, es ist sehr schwer für dich, das alles zu verstehen. Doch ich habe versprochen, dir zu helfen. Du musst aber auch etwas Geduld haben. Willst du das?“ Sarah fuhr dem Mädchen übers braune Haar.  
„Ja.“ Kam die nach einer kleinen Pause leise die Antwort und Sarah merkte, dass sie mit den Tränen kämpfte.
„Wie wäre es, wenn wir nach dem Frühstück in den Tiergarten fahren? Anschließend essen wir beim Italiener.“ Teresa nickte und sie lächelte ein wenig. Wie schnell man einem Kind doch eine Freude machen kann, dachte die junge Frau.
 
Es war ein heißer Tag, doch im Tierpark war es dennoch angenehm kühl. Nach dem Essen gingen sie noch in eine Eisdiele und genau hier begegneten sie Sven, der mit ihnen zurück nach Hause fuhr.
 
„Du bist mal wieder unmöglich, Schwesterherz.“ Die Geschwister standen sich in Sarahs privatem Wohnzimmer gegenüber. Sie hatte Teresa erlaubt, noch ein wenig draußen auf dem Spielplatz zu bleiben, damit sie mit ihrem Bruder alleine sprechen konnte. Sie hatte ihm die Anwesenheit des Kindes rasch geschildert.
 
„Was bitte schön ist daran so unmöglich? Dass ich Teresa gerne bei mir lassen will? Ich bin durchaus in der Lage, ein Kind zu versorgen.“ „Das bezweifle ich ja auch nicht. Aber du bist nicht verheiratet, und die Fürsorge hat da ja ein Wort mitzusprechen.“, entgegnete Sven. „Ich muss keinen Mann haben, nur um ein Kind in Pflege zu nehmen, das weißt du doch. Und ich habe sicherlich gute Voraussetzungen.“ „Das sieht das Jugendamt bestimmt nicht ganz so.“, meinte Sven.
„Du kannst momentan noch nicht einmal sagen, ob du überhaupt finanziell in der Lage bist, ein fremdes Kind zu betreuen.“
„Geld, Geld, ist das alles, was zählt? Da laufen Kinder in der Welt herum, deren Eltern steinreich sind, doch weder Zeit noch genug Liebe opfern für sie. Keine Behörde kümmert sich darum, egal, ob die Drogen nehmen oder sonst in irgendwelche schlechten Gesellschaften hineingeraten. Ich könnte jetzt immer weitere Beispiele nennen, doch wohin würde das führen?“
„Menschlich gesehen hast du ja Recht, Sarah, musst mich nicht angreifen. Ich bin auf deiner Seite, doch es gibt nun mal Gesetze.“
„Das ist mir doch auch bekannt und ich werde diese auch nicht übergehen. Doch ich gebe mich nicht so leicht geschlagen, verlasse dich drauf.“
Sven lächelte. Er wusste, dass seine Schwester nicht klein beigab und er würde sie auch hierbei unterstützen, wenn es die Notwendigkeit erforderte. Doch vorerst, das wusste sie auch, stünde sein Urlaub bevor. Er hatte schon lange die Reise nach Amerika zu einem alten Freund geplant.
 
Der Montag begann mit Regen, doch gegen zehn Uhr kam die Sonne wieder zum Vorschein. Die ersten Kinder wurden erst am Nachmittag erwartet, und so hatte Sarah noch Zeit, ein paar wichtige Dinge zu erledigen. Heike, die Köchin Frau Walter und die beiden Hausmädchen Tina und Lisa waren schon da. Sie hatte ihnen die ersten Anweisungen gegeben und Heike kümmerte sich um Teresa. Sarah saß in ihrem Büro und telefonierte mit dem Jugendamt und sie war froh, dass der Beamte nicht das Klopfen ihres Herzens hören konnte. Zuerst hatte er sie noch um etwas Geduld gebeten, um die Akte zu holen.
„Ich lasse das Kind selbstverständlich heute noch abholen“, sagte nach einer Weile die recht freundliche Stimme am anderen Ende der Leitung.
„Dann haben Sie zumindest keine Arbeit mehr mit ihr. Ich hoffe, die Kleine hat Ihnen nicht allzu viel Umstände gemacht.“
„Wie kommen Sie darauf? Darf ich einmal fragen, ob Sie Teresa eigentlich kennen?“ Es blieb einen Moment still in der Leitung, dann kam die Antwort:
„Nein, soweit ich mich noch erinnern kann, brachte eine Fürsorgerin das Kind damals nach dem Brand ins Luisenstift. Eine Nachbarin hatte sich vorher um sie gekümmert.“
„Das dachte ich mir. Sie bestimmen über einen Menschen, ohne ihn überhaupt je gesehen zu haben.“
„Frau Lorenz, was glauben Sie, wie viele elternlose Kinder wir hier in unserer Kartei haben, ohne die, die aus einem zerrütteten Elternhaus kommen? Zeit, all diese armen Würmchen persönlich kennen zu lernen, haben wir nicht. Glauben Sie denn, die Schicksale gehen ohne Spuren an uns vorüber? Wir müssen unsere Gefühle zurückhalten, manchmal Entscheidungen treffen, die auch uns nicht gefallen, zum Wohle des Kindes.“
„Zum Wohle“ Sarahs Stimme klang voller Hohn.
„Sind Sie jetzt nicht ungerecht? Das Kind wurde im Luisenstift nicht misshandelt, wenn Sie darauf anspielen.“
„Das sagte ich auch nicht, Herr - wie war Ihr Name?“
„Scholz“, tönte es aus dem Hörer.
„Gut, Herr Scholz, man muss ein Kind nicht körperlich misshandeln, um es zu demütigen oder zu verletzen. Ihr bringt die Kinder in den Heimen unter und dann ist für euch die Sache erledigt. Ich habe ein Jahr in einem Solchen gearbeitet und weiß, dass sich nach Einlieferung der Kinder kaum mehr jemand vom Amt um ihr Wohlergehen kümmert.“
„Sie fahren harte Geschütze aus, Frau Lorenz. Es gibt da sicherlich auch Ausnahmen, denken Sie nicht auch?“, verteidigte sich Herr Scholz.  
„Dann zeigen Sie die mir, dann revidiere ich meine Aussage gerne“, erwiderte Sarah etwas ruhiger.
 „Sie sind eine harte Nuss. Um Sie etwas zu versöhnen, sagen wir mal, komme ich morgen Nachmittag so gegen 16h und wir können persönlich miteinander reden, dann werde ich Teresa ja kennen lernen.“
Sarah zögerte nicht lange und stimmte zu. Nun hatte sie wenigstens einen kleinen Aufschub bis morgen.
 
Die Gäste kamen pünktlich. Es waren zwei Jungen, Moritz und Sebastian, beide sechs Jahre und ein achtjähriges Mädchen. Die Eltern und auch die Kinder machten einen sehr netten Eindruck auf sie. Die Drei hatten auch keinerlei Probleme, alleine hier zu bleiben. Sie schienen sich gleich wohl zu fühlen. Teresa freundete sich sogleich mit der kleinen Ronja an. Für den Rest des Tages kam Sarah nun nicht mehr zum Nachdenken, weil die Arbeit sie davon abhielt. Es war vielleicht auch ganz gut, dass die Kinder hier waren, so konnte sich Herr Scholz auch gleich davon überzeugen, dass sie einer Tätigkeit nachging.
 
Am nächsten Morgen kamen erneut Voranmeldungen für die kommende Woche. Es handelte sich um Zwillinge, Mädchen von sieben Jahren. Wenn das so weiterging, sinnierte Sarah, konnte sie zufrieden sein. Sie hatte Teresa beim Frühstück erzählt, dass am Nachmittag ein Herr vom Jugendamt kommen würde, um sich nach ihr zu erkundigen. Teresa wirkte erschrocken, aber Sarah beruhigte sie wieder.
„Vertrau mir nur, und versprich bitte, keine Dummheiten mehr zu machen, egal, was auch kommt.“ Das Mädchen nickte.
 
Herr Scholz war pünktlich und sie war erstaunt, als sie ihn sah. Hatte  sie eben noch einen Herrn erwartet, im Anzug, mit Krawatte und frisch gestärktem Hemd, so wurde sie nun angenehm überrascht. Sie brachte vor Staunen zuerst kein Wort über die Lippen. Herr Scholz trug blue Jeans und ein hellgraues Hemd, dessen obere Knöpfe offen standen, so dass sie das silberne Kettchen um seinen Hals sehen konnte. Seine Haut war gebräunt, als wäre er gerade aus dem Urlaub gekommen,  und sein dunkles Haar trug er kurz geschnitten. Ein paar graue Augen blickten sie fragend an.
„Frau Lorenz? Freut mich, Sie kennen zu lernen. Ich hoffe, vor Ihrem prüfenden Blick bestanden zu haben.“ Sein Händedruck war fest und er lächelte.
„Gehen wir ins Büro?“ fragte sie, um die Verlegenheit zu übergehen.
„Nein, bitte nicht. Büro hatte ich den ganzen Tag, gehen wir ein Stück?“ Das war Sarah auch lieber.
 
„Gehört Ihnen das Hotel?“ fragte er, als sie einige Schritte gegangen waren.
„Ja, ich habe es geerbt, das heißt mein Bruder und ich.
Von unserem Großvater.“
„Schönes Anwesen, ‚Haus Sonnenschein’, das klingt gut. War das Ihre Idee oder die Ihres Großvaters?“
„Meine. Vor dem Um- und Ausbau stand das Haus etliche Jahre leer. Großvater hatte nach dem Tod seiner Frau das Interesse und auch die Lust daran verloren.“
„Ja, der Tod eines lieben Menschen kann schon ungeahnte Folgen mit sich bringen.“, fügte Herr Scholz hinzu.
„Da haben Sie Recht. Und da wir nun schon einmal bei diesem Thema sind, könnten wir gleich von Teresa sprechen. Ich will nicht lange um den heißen Brei reden. Ich möchte das Kind zu mir nehmen.“ So, nun war es heraus.
„Wissen Sie auch, was da für Formalitäten auf Sie zukommen? Geschweige denn von Routinegängen?“, wollte er sie aufklären.
„Ist mir bekannt. Es ist doch eigenartig, da wird ein Kind zur Waise und man steckt es ins Heim. Das geht so einfach, ohne große Probleme. Will aber eine Familie einem elternlosen Kind ein Heim geben, dann muss man durch alle behördlichen Instanzen und wird durchgeprüft bis auf die Knochen. Ist das fair?“ Sie musste sich sehr zusammen reißen, um nicht aus der Ruhe zu geraten.
 
„Frau Lorenz, mit mir müssen Sie sich nicht anlegen, ich mache die Gesetze nicht, bin auch nur – wie würden Sie es jetzt ausdrücken? Ein Handlanger. Was Sie da sagten, ist schon wahr, aber dafür kann ich nichts. Darf ich Teresa kennen lernen?“
Sie zögerte eine Weile. Dann meinte sie mit ernster Stimme:
„Aber nur, wenn Sie das Kind nicht einschüchtern.“
„Sie trauen mir wohl gar nicht, was? Ich bin auch nur ein Mensch. Und ich mag Kinder.“
„Gut, dann gehen wir zu ihr. Soviel ich weiß, sind die Kinder gerade im Wohnzimmer.“
Sie hatten das Haus bald erreicht und gleich darauf fanden sie Teresa. Sie beobachteten die Kinder eine Weile, dann rief sie das Mädchen zu sich.
„Teresa, das ist Herr Scholz“, stellte sie den Herrn vor.  „ich habe dir doch von ihm erzählt.“ Das Kind gab ihm nur zögernd die Hand und drückte sich an Sarah.
„Du bist also die kleine Ausreißerin. Weißt du denn nicht, wie gefährlich das sein kann, wenn man fortläuft?“ Sarah hielt insgeheim die Luft an, doch Teresa sagte mit fester Stimme:
„Im Luisenstift ist es blöd, dort fühlt sich kein Kind wohl, kannst die anderen Kinder fragen. Ich möchte so gerne bei Sarah hier bleiben.“
„Geh jetzt wieder spielen.“, sagte Herr Scholz.
„Ich möchte mich noch ein wenig mit Sarah – ich meinte Frau Lorenz unterhalten.“ Nur zu gerne befolgte das Kind diesen Rat.
 
Und nun erzählen Sie mir von Ihrem Hotel, ja?“ Seine Bitte klang so ehrlich und aufrichtig, dass Sarah nicht anders konnte, als zu berichten. Sie tat dies mit einer solchen Hingabe, dass Herr Scholz nur Bewunderung fand. Sie hatten sich vom Hotel entfernt und waren in Richtung See unterwegs. Es war ein herrlicher Sommertag, der sich nun allmählich dem Ende neigte.
„Eine wunderschöne Gegend ist das hier“, meinte Herr Scholz, als sie eine Pause machte.
„So still, und kein Lärm von Autos. Wirklich ein Paradies für Kinder.“ „Ja, das finde ich auch so.“ Sie sah ihn an und merkte, dass er sie genau beobachtete. Ob er schon gebunden ist? Fragte sie sich. Sie musste sich eingestehen, dass er ihr ganz gut gefiel.
„Lassen Sie uns zurückgehen. Gleich gibt es Abendessen, darf ich Sie dazu einladen?“, fragte Sarah.
„Da sage ich nicht nein, vielen Dank.“ Herr Scholz schien darüber recht froh zu sein.
 
„Ich werde im Amt sehen, was ich machen kann, das verspreche ich Ihnen, Frau Lorenz“, versprach Herr Scholz, als Sarah ihn zu seinem Wagen begleitete.
„Ja bitte, machen Sie das, legen Sie bei Ihrem Chef ein gutes Wort ein. Er kann sich ja selbst davon überzeugen, dass Teresa hier gut aufgehoben ist. Ich werde ihr eine gute Pflegemutter sein.“
„Das bezweifle ich keineswegs“, meinte er lächelnd, bevor er einstieg. „Gleich morgen Früh spreche ich mit meinem Chef. Gute Nacht.“ Sie winkte ihm nach, bis das Auto verschwunden war.
 
Sarah fühlte sich in den nächsten Tagen teils wie auf Wolken schwebend und teils voller Ungeduld darüber, wie das Jugendamt nun über Teresas Bleiben entschied. Am Freitag bekam sie Besuch von einer Fürsorgerin. Die Frau, etwa vierzig Jahre alt, machte auf Sarah einen vornehmen, aber netten Eindruck. Sie ging gleich auf ihr Ziel los, und Sarah war das ganz Recht so.
„Mein Name ist Jung, und ich möchte mir hier einmal alles in Ruhe ansehen.“
Nun führte Sarah die Dame im Hause herum. Zeigte ihr die Zimmer der Gäste und die übrige Räumlichkeit. Dann beobachteten sie einen Moment die spielenden Kinder, bevor sie in Sarahs Privaträume gingen.
„Hier wohne ich“, sagte Sarah. „Es wird kein großes Problem darstellen, ein Kinderzimmer für Teresa noch zusätzlich einzurichten. Notfalls schlafe ich auf der Couch im Wohnzimmer.“ Die Dame lächelte.
„Ich habe mir schon ein Bild gemacht, vielen Dank für die Führung. Ich denke, ich habe genug gesehen und möchte mich nun verabschieden.“ Nachdem die Dame abgefahren war, atmete Sarah erst einmal auf. Wie sollte sie nun den raschen Abgang der Fürsorgerin einstufen? Als gutes Zeichen, oder eher als schlechtes? Wenige Minuten später hörte sie das Klingeln des Telefons. Es war Herr Scholz.
„Wollte nur sagen, dass eine Frau vom Fürsorgeamt kommt“, ertönte seine Stimme am anderen Ende der Leitung.
„Schon passiert, aber danke für die Warnung. Eben gerade ist sie gegangen. Ich habe schon etwas Angst, weil sie es zum Schluss sehr eilig hatte.“
„Sie und Angst? Kann ich mir gar nicht vorstellen.“ Sie hörte das Lachen in seiner Stimme. Dann sprach er auch gleich weiter, bevor sie ihn unterbrechen konnte.
„Ich habe getan, was ich konnte. Ich finde, Teresa ist bei Ihnen gut aufgehoben und wenn ich darf, würde ich gerne einmal wiederkommen.“
„Das dürfen Sie. Wir wollen Sonntag zum Reiterhof, habe es den Kindern versprochen. Kommen Sie doch einfach mit“, lud sie ihn ein. „Gegen diese Einladung habe ich keine Einwände“,  war seine Antwort.
 
Der Montag brachte die neuen Gäste und das Haus wurde voller. Den Kindern schien es zu gefallen, denn es gab keinerlei Unstimmigkeiten. Die ganze Woche über saß Sarah wie auf heißen Kohlen. Sie wurde zusehend nervöser und dann kam wieder ein Freitag und Herrn Scholz Anruf:
„Heute ging ein Schreiben an Sie raus, eine Anhörung am Dienstag, zwecks Pflegschaft für eine gewisse Teresa Horn. Ist das keine gute Nachricht?“ Sarah brachte zuerst keinen Ton heraus und es dauerte eine Weile, bis sie antworteten konnte:
„Ist das wirklich wahr? Herrje, wie glücklich wird Teresa sein, das zu hören. Danke Ihnen vielmals, dass Sie es mir gleich mitteilten und, dass Sie sich für uns eingesetzt haben. Am liebsten würde ich Sie jetzt umarmen.“ Sarah erschrak vor sich selbst, den letzten Satz hätte sie wohl besser nicht gesagt, oder?
„Ich habe durchaus nichts dagegen, von Ihnen umarmt zu werden“, vernahm sie seine Stimme.
„Vielleicht bei meinem nächsten Besuch?“
„Sie sind immer gern gesehen hier, Herr Scholz“, lautete ihre ehrliche Antwort.
„Ich heiße übrigens Dennis, und nun bis bald.“ Bevor sie noch etwas sagen konnte, hatte er aufgelegt.
 
Teresa war ganz aus dem Häuschen, als Sarah ihr diese Neuigkeit mitteilte. Sie fiel der jungen Frau um den Hals und weinte vor Freude. „Nun muss ich nicht mehr zurück, kann hier bei dir bleiben und den Kindern. Das muss ich gleich allen anderen erzählen.“ Sarah bekam einen dicken Kuss auf die Wange und schon war das Mädchen verschwunden. Die junge Frau lächelte. Nun würde alles gut werden, blieb nur zu hoffen, dass ihr Kinderparadies „Haus Sonnenschein“, ein ständiger Treffpunkt für Kinder bleiben konnte.
 
„Sven, schön, dass du wieder zu Hause bist“, empfing Sarah den Bruder. „wie war dein Urlaub?“
Sie standen sich in ihrem Büro gegenüber. Nachdem Tina ihnen Kaffee und Gebäck gebracht hatte, richtete Sven seinen Blick wieder auf Sarah.
„Du strahlst ja so, Schwesterherz, ist etwas geschehen, von dem ich noch nichts weiß?“
„Du hast einiges versäumt, stimmt.“  Sie lächelte. Dann erzählte sie Sven, was in der Zeit seiner Abwesenheit geschehen war und sie ließ auch die Bekanntschaft mit Herrn Scholz nicht aus.
„Teresa darf bleiben, das ist das Schönste von alldem und….“ Sie verstummte kurz,
„Am Samstag hat mich Dennis zu einem Konzert und anschließendem Essen eingeladen.“ Sven sah seine Schwester an und jedes weitere Wort war überflüssig. 
 
 
     

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