Endlich geschafft! Ich schlug die Tür der Taxe zu und kurbelte die Fensterscheibe herunter.
„Mama!“, rief ich, „versteh du mich wenigstens. Ich möchte für mein Leben selbst verantwortlich sein, nicht ihr.“
„Diese Schande überlebe ich nicht, Jasmin“, hörte ich meine Mutter jammern, und sie trat etwas näher an den Wagen heran.
„Die Leute werden mit dem Finger auf uns zeigen, oh Gott, oh Gott.“
„Euch ist es doch immer nur um das Gerede der Leute gegangen. Niemals um die Familie selbst. Merkt ihr denn gar nicht, wie verlogen das ist?“ Meine Stimme hatte einen bitteren Beigeschmack bekommen.
„Dein Vater und Martin werden es dir niemals verzeihen“, begann sie nun, mich weiter zu traktieren.
„Eines Tages werden sie es verstehen und wenn nicht, muss ich auch damit zurechtkommen. Ich liebe dich und Papa, aber ihr könnt über meine Zukunft nicht bestimmen. Ihr hört von mir, sobald ich mich eingelebt habe.“ Ich stieg aus der Taxe und umarmte meine Mutter nochmals. „Auf Wiedersehen, Mama.“
Die Fahrt zum Flughafen dauerte etwas länger als üblich, da wir eine Umleitung nehmen mussten.
Zweieinhalb Stunden später saß ich bereits im Flieger und wartete darauf, bis er Hamburg verließ. Schon am nächsten Abend würde ich an Bord der Queen Viktoria sein, die in einem französischen Hafen vor Anker lag.
Als wir endlich in der Luft waren und uns abschnallen konnten, machte ich es mir auf meinem Sitz bequem.
Ich schloss die Augen und wollte nur noch an das denken, was vor mir lag. Erinnerungsfetzen längst vergangener Zeiten schwirrten mir plötzlich im Kopf herum.
Mein Kindheitstraum würde sich endlich erfüllen, denn schon als kleines Mädchen hatten mich Schiffe fasziniert. Mühelos konnte ich damals mein Kindermädchen Elsa überreden, unsere Spaziergänge zum Hafen zu lenken, damit ich mir die Schiffe betrachten konnte. Ich wusste, dass solche Ausflüge verboten waren, weil dieser Ort – laut meiner Eltern – nicht der richtige Platz für ein Mädchen aus reichem Hause sei. Ich war da noch viel zu klein, um zu verstehen, warum. Es zog mich immer wieder an die Elbe, desgleichen Elsa, deren Freund am Hafen arbeitete. Er lud uns hin und wieder zu einer Rundfahrt auf einer Barkasse ein, was die Eltern ebenfalls nicht erfahren durften, und ich war verschwiegen.
Irgendwann kam es allerdings heraus und Elsa wurde entlassen. Mein nächstes Mädchen, schon etwas betuchter, tat nichts, was den Zorn meiner Eltern schürte. Zum Hafen durfte ich nicht mehr, doch die Liebe zu den Schiffen blieb.
Eines Tages, ich war gerade sieben, nahm mich mein Vater zu einem Besuch bei Freunden mit. Diese besaßen eine Reederei und einen Sohn, Martin, der mir sofort bereitwillig und freudig ein neues Schiff zeigte, das in den nächsten Tagen vom Stapel laufen sollte. Von nun an verbrachte ich viel Zeit bei den Humboldts, einzig der Schiffe wegen. Unseren Eltern gefiel es, dass ich mich gerne bei Martin aufhielt. Oftmals ließen wir Kinder uns von der Fantasie treiben. Dann träumten wir davon, auf einem dieser Riesenschiffe zu stehen, um die sieben Weltmeere zu „erobern“. Martins Vater, den ich Onkel Karl nennen durfte, schenkte mir später zu meinem zehnten Geburtstag einen Bildband mit Schiffen aller Arten. Das war kurz bevor meine Internatszeit in der Schweiz begann.
Die Stewardess riss mich aus meinen Gedanken, als sie einen kleinen Imbiss servierte. Sie lächelte freundlich und fragte, ob ich noch einen Wunsch hätte. Ich verneinte. Mit großem Appetit verschlang ich die Mahlzeit und versank anschließend wieder in meinen Erinnerungen ….
„Wenn du erst einmal Martins Frau bist, wirst du kaum mehr Zeit haben, deinen Träumen nachzuhängen, dann hast du gesellschaftliche Verpflichtungen.“
Vaters Worte trafen mich wie eine kalte Dusche.
Martins Frau! Es hämmerte in meinem Schädel, und ich musste mich setzen, weil mir schwarz vor Augen wurde.
„Martin ist ein Freund, wir kennen uns seit der Kindheit. Es war niemals die Rede davon, dass wir einmal heiraten“, erwiderte ich heiser, nachdem ich mich etwas gefasst hatte.
„Was hast du daran auszusetzen?“, warf meine Mutter ein.
„Er ist ein wohlerzogener und sympathischer junger Mann und der Erbe der Humboldt-Reederei. Ich dachte, du magst ihn?“
„Das tue ich auch, aber heiraten werde ich nur aus Liebe“, lautete meine Antwort.
„Martin möchte dich heiraten und wir haben nichts dagegen. Es ist alles schon arrangiert“, mischte sich mein Vater ein, und ich merkte, dass er ziemlich ungehalten war.
Mama sah mich an und meinte:
„Außerdem ist er eine gute Partie, und jedes andere Mädchen wäre glücklich, an deiner Stelle zu sein. Einige unserer engsten Freunde sind schon informiert“.
Wie vor den Kopf geschlagen ging ich in mein Zimmer und heulte erst einmal wie ein Schlosshund. Irgendwann klopfte Mama an die Tür und bat mich zum Abendessen, doch der Appetit war mir vergangen. Ich stellte mir vor, wie ich an Martins Seite Konversationen machte, Gäste empfing, die mir gleichgültig waren. Wie ich mich in Kleider zwängte, in denen ich mich unwohl fühlte. Ich sah mich schon im Geiste als feine Dame bei Wohltätigkeitsveranstaltungen oder dem verhassten Golfclub angehören.
Ich hatte gleich nach der Eröffnung meines Vaters eine Aussprache mit Martin herbeigeführt.
„Martin, wie konntest du über meinen Kopf hinweg eine solche Entscheidung mit den Eltern treffen?“, eröffnete ich unser Gespräch. „Das könnt ihr mit mir nicht machen.“
„Jasmin“, Martins Stimme klang leise, „du weißt doch selbst, wie es in unseren Kreisen ist, hast du denn tatsächlich keine Ahnung gehabt, dass es über kurz oder lang zu einer Verbindung unserer Familien kommen musste?“
„Und mich fragt man da nicht?“
„Jasmin, jetzt dramatisiere nichts. Ist es denn so schlimm, meine Frau zu werden? Ich dachte du magst mich.“
„Zum Heiraten reicht es nicht, dich nur zu mögen, Martin. Versteh mich doch“, warf ich ein. Ich hätte mir denken können, dass diese Unterhaltung zu nichts führte.
„Ich möchte dich doch glücklich machen, Jasmin. Und du hast mein Wort, dass ich dich niemals zu etwas zwingen werde, was du nicht willst.“
Mein Leben jedoch stellte ich mir ganz anders vor, und das hatte wenig Ähnlichkeit mit dem, was meiner Familie vorschwebte. Gewiss, ich schätzte Martin sehr, denn trotz Reichtum war er zu allen Menschen freundlich. Ein Mann, den man sich als Freund wünschte, der aber für mich niemals zum Heiraten in Frage käme. Ich pfiff auf diese Traditionen und fand es altmodisch, dass man heutzutage noch über die Köpfe der Sprösslinge hinweg deren Zukunft bestimmte.
Ich konnte nicht einmal richtig Kind sein. Immer lief ich wie ein Prinzesschen herum, in teuren Kleidchen und Schleifen im Haar, dabei hätte ich für mein Leben gerne einmal in einer Jeanshose einen Baum erklettert oder wäre mit Schwung in eine Regenpfütze gehüpft. Ich beneidete immer die Kinder auf den Spielplätzen, wenn ich mit dem Kinderfräulein daran vorüberging. Richtige Freundinnen besaß ich nie, denn die Mädchen, die meine Mutter oft zu uns einlud, waren in meinen Augen viel zu eingebildet und hochnäsig.
So blieben nur die Kinderzeit mit Martin und unsere Träume als die schönste Erinnerung zurück.
Nach meiner Internatszeit hätte ich gerne eine Ausbildung begonnen, stieß aber bei meinem Vater auf Unverständnis.
„Wozu Kleines“, so sein Kommentar, „heiratest doch bald und hast deine Gastgeberpflichten zu erfüllen.“ Diesen Worten von ihm hatte ich seinerzeit mit Siebzehn keinerlei Bedeutung beigemessen, doch nun, zwei Jahre später, da ich wusste, ich sollte verheiratet werden, fühlte ich mich einem Weltuntergang nahe.
Am Abend, als sich alles ändern sollte, überflog ich, wie sooft in den letzten Tagen, die Gästeliste anlässlich meiner bevorstehenden Heirat. Von den dreihundertvierunddreißig Namen kannte ich die meisten nur vom Hörensagen, Geschäftsfreunde meines Vaters oder Honoratioren der Stadt. Ich legte die Liste beiseite und trat zum Fenster. Draußen neigte sich ein sonniger Frühlingstag seinem Ende zu. Eine Weile starrte ich in die hereinbrechende Dämmerung, dann griff ich nach einer dünnen Strickjacke und verließ mein Zimmer.
An der Haustür lief mir meine Mutter über den Weg.
„Du gehst doch nicht etwa noch aus, Jasmin?“ fragte sie..
„Doch Mama, ich will auf einen Sprung zu Larissa. Du musst nicht auf mich warten“, antwortete ich.
„Es gefällt mir ganz und gar nicht, wenn du abends noch allein unterwegs bist. Wenn nun Martin anruft, was soll ich ihm sagen?“ Mutter gab nicht auf, während ich nur das Bedürfnis verspürte, hier rauszukommen.
„Ich bin kein Baby mehr, Mama, begreif das endlich. Und so spät ist es nun wieder auch nicht. Wenn Martin anruft, dann sage ihm, ich schlafe bereits. Gute Nacht.“ Ich gab meiner Mutter einen Kuss auf die Wange und ging.
Ich spazierte die breite Allee in unserem ruhigen Villenviertel entlang und fühlte einen bitteren Geschmack im Mund. Ich hatte das Gefühl, versagt zu haben, weil ich nicht in der Lage war, mich gegen diese Heirat zu wehren, die in vier Wochen stattfinden sollte. Nicht einmal Larissa durfte ich einladen.
Ich hatte sie vor einem Jahr kennen gelernt, als ich mir in der Bücherei, ihrem Arbeitsplatz, ein Buch kaufte. Wir verstanden uns sofort und wurden Freundinnen. In den Augen meiner Eltern jedoch war eine ledige Mutter kein Umgang für mich. Doch ich ließ mich nicht beirren, und sie gaben den Versuch auf, uns auseinander zu bringen.
Mein Weg führte mich an diesem lauen Frühlingsabend nicht zu Larissa, sondern hinunter zur Elbe. Am Kai blieb ich stehen und betrachtete die vielen Lichter am Hafen und auf dem Wasser.
„Fürchten Sie sich denn nicht, so alleine um diese Zeit hier Spazieren zu gehen?“ Ich drehte mich abrupt um und stand einem jungen Mann gegenüber, der mich um Kopflänge überragte.
„Was wollen Sie?“ Meine Stimme zitterte leicht.
„Ich will Ihnen nichts tun, aber es ist gefährlich. Mein Name ist Jan Uhland“, stellte er sich höflich vor. Er erzählte mir, ohne aufgefordert zu werden, dass er als Bordingenieur auf dem Kreuzfahrtschiff Queen Viktoria arbeite. In drei Tagen würden sie wieder auslaufen und die Atlantikküste entlangfahren. Mein Interesse wurde geweckt, und er schien es zu spüren, denn er berichtete mir ohne Umschweife von seiner Arbeit und dem Leben an Bord.
Als ich später in meinem Bett lag, schlief ich lange nicht ein. Meine Gedanken kreisten um die Unterhaltung mit Jan Uhland. Von ihm wusste ich auch, dass an Bord ständig Personal gesucht würde, hauptsächlich weibliches, denn Frauen blieben in der Regel nicht allzu lange, weil sie irgendwann einmal heiraten und „abheuern“, wie Jan lächelnd erzählte. Er gab mir die Telefonnummer, unter der ich ihn erreichen konnte, falls ich Lust hätte, ihn noch einmal zu treffen. Am Abend, bevor das Schiff auslief, gingen wir am Kai spazieren. Irgendwie ergab es sich, dass ich ihm von meinem Problem berichtete.
„Und Sie wollen diesen Martin nicht heiraten?“, fragte er zum Schluß.
„Stimmt. Für eine Ehe reicht Freundschaft nicht. Und ich möchte niemals so leben, wie meine Familie es tut, und auch von mir erwartet.“
„Dann fangen Sie doch an, endlich auf eigenen Füßen zu stehen, wenn Sie nicht wollen, dass Ihre Eltern und Martin Ihr Leben bestimmen.“ Jan hatte dies mit ernster Stimme gesagt. Ich sollte mir alles reiflich überlegen, meinte er. Er schrieb mir auf, unter welcher Nummer ich ständig Kontakt mit dem Schiff aufnehmen konnte.
Ich wollte fort, das stand fest, aber ich zögerte dennoch. Wenn ich jetzt ging, das war mir klar, dann für immer. Den letzten Anstoß jedoch gab es, als mir Martin zwei Wochen vor dem Standesamttermin mitteilte, seine Eltern hätten für uns Beide als Hochzeitsgeschenk die Wohnung in der oberen Etage der Humboldschen Villa komplett neu eingerichtet, sogar ein Kinderzimmer.
Damit waren sie entschieden zu weit gegangen, und noch am gleichen Tag setzte ich mich mit der Queen Viktoria in Verbindung….
Am meinem Ziel angekommen, schien die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Ein schöner Tag für einen Neubeginn, dachte ich.
Zuerst sollte ich für ein halbes Jahr „auf Probe“ an Bord arbeiten. In der Küche, eröffnete man mir.
Aber das störte mich nicht. Ich wollte jede Arbeit verrichten, würde alles tun, um meine Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Ich fing ganz unten an, bereit zum Lernen. Und das erste Mal im Leben tat ich etwas nur für mich allein.
Beflügelt von diesem Gedanken,, wollte ich meinem Dasein den Sinn geben, auf den ich später einmal stolz sein konnte.
Ich fühlte mich unendlich frei.