Daniela eilte über die stark befahrene Straße, lief den Bürgersteig entlang und blieb kurz vor einem Schaufenster stehen. Sie kannte sich hier aus und wusste genau, wohin sie wollte, doch sie war aufgeregt und ein wenig ängstlich. Sie ging rasch weiter, verließ den Innenstadtverkehr und bog nach etwa zehn Minuten in eine kleine, ruhige Siedlung ein. Hier und da bellte ein Hund und das Lachen spielender Kinder ertönte. Zwei Buben, etwa acht oder neun Jahre alt, fuhren auf ihren Rädern an ihr vorüber. Je näher Daniela ihrem Ziel kam, umso nervöser wurde sie. Dann stand sie vor dem Anwesen mit der Nummer Neun. Das Grundstück, eingerahmt von einer grünen halbhohen Hecke, wirkte verwaist. Daniela schaute über den großen, gepflegten Rasen hin zum Haus und fragte sich, ob überhaupt jemand daheim war.
 
„Wenn Sie zu Jürgens möchten, haben Sie Pech!“, erklang hinter ihr eine Stimme. Sie drehte sich um.
„Ja, ich wollte zu ihnen. Sind sie verreist?“, fragte Daniela.
„Nein, im Krankenhaus, wie jeden Tag, jedenfalls Frau Jürgens, ihr Mann arbeitet und holt sie nach Büroschluss ab.“
„Wer ist denn krank?“ Daniela hatte mit einem Mal ein ungutes Gefühl.
„Der Torsten, der arme Junge, ein so lieber, netter und freundlicher Kerl. Hat Krebs und ist doch gerade erst vierzehn.“ Die Frau schien keinerlei Hemmungen zu haben, einer Fremden gegenüber diese Auskunft zu geben.
Daniela wurde es plötzlich schwarz vor Augen, und sie hielt sich am Gartentor fest.
„Ist Ihnen nicht gut?“, fragte die geschwätzige Frau, doch Daniela schüttelte den Kopf. „Es ist nichts. In welcher Klinik liegt der Junge?“
 
Wie eine Schlafwandlerin hatte Daniela den Weg zum Krankenhaus zurückgelegt. Torsten war krank, Krebs! Diese Nachricht hatte sich ihr ins Gedächtnis gebrannt. War das die Strafe dafür, dass sie ihn damals zur Adoption freigegeben hatte? Unsinn!, redete sie sich ein und betrat das große, weiße Gebäude.
An der Pforte erfuhr sie die Zimmernummer Torsten Jürgens und wenige Minuten später stand sie vor der Tür, hinter der „ihr“ Junge lag.
 
Ihre Gedanken wanderten in die Vergangenheit. Es war Daniela damals nicht leicht gefallen, diesen Schritt zu gehen, doch was hätte sie allein mit einem Baby gemacht? Ohne Ausbildung und Geld? Ihre Eltern starben bei einem Autounfall, als sie zehn Jahre alt war, und Daniela wuchs bei der Großmutter auf. Mit siebzehn lernte sie Robert Schumann kennen, einen zwanzigjährigen jungen Mann aus wohlhabendem Hause. Seine Eltern würden dem einzigen Kind eines Tages eine kleine Firma hinterlassen. Robert war bei den Mädchen sehr beliebt, gut aussehend und fuhr einen tollen Wagen, außerdem sehr charmant und gut erzogen. Er liebte das Leben und vor allem das Flirten. Daniela hatte sich in ihn verliebt, und ihre kurze Beziehung war nicht ohne Folgen geblieben. Sie glaubte nicht, dass er überhaupt bereit war, eine solche verantwortungsvolle Rolle, wie die eines Vaters, zu übernehmen.
Seine Eltern hätten bestimmt darauf bestanden, dass er sie heiratete, schon allein wegen dem Gerede der Leute. Daniela sah nur den einen Weg, sich von ihm zu trennen, denn eine Ehe, nur eines Kindes wegen, würde sie niemals eingehen. Robert hatte keinerlei Anstalten gemacht, sie zu halten.
 
Die Zeit der Schwangerschaft verbrachte Daniela bei Tante Klarissa, der jüngeren Schwester ihrer Oma, die eine kleine Boutique in einem dreißig Kilometer entfernten Ort besaß. Zur Geburt ihres Sohnes Torsten kam das junge Mädchen nach Hause in das Kreiskrankenhaus, und lernte dort Frau Jürgens kennen. Diese erholte sich gerade von einer Operation. Beide Frauen kamen ins Gespräch, bei dem Daniela der Älteren ganz vertraulich ihr Problem schilderte. Am Ende entschloss sich das Ehepaar, Torsten zu adoptieren. Das Jugendamt machte keine Probleme und nachher ging Daniela schweren Herzens wieder zu ihrer Tante und arbeitete in deren Boutique.
 
Die Sehnsucht nach ihrem Sohn jedoch verfolgte sie die ganzen Jahre hindurch, bis sie es nicht mehr ertragen konnte. Ihn einmal sehen, das wünschte sie sich. Wissen, ob es ihm gut ging. Mehr wollte sie ja gar nicht. Nach mehrmaligen Anläufen war sie nun kurzerhand zu ihrer Großmutter gefahren, die diese Idee nicht so gut fand. Aber Daniela ließ sich nicht beirren und ging ihren Weg.
 
Plötzlich wurde sie in ihren Erinnerungen unterbrochen, als sich die Tür des Krankenzimmers öffnete, und Frau Jürgens heraus trat. Daniela wich einen Schritt zur Seite, doch die Frau hatte sie schon erblickt. Sie betrachtete Daniela einen Moment, dann wurde sie blass.
„Sie?“
„Es tut mir Leid, die Abmachung gebrochen zu haben. Ich wollte ihn doch nur einmal sehen.“ Tränen standen in Danielas Augen und sie schluckte. „Ihre Nachbarin hat mir gesagt, was los ist.“
„Daniela, so war das nicht gemeint. Wir haben in den letzten Tagen oft an Sie gedacht und wollten Ihre Großmutter bitten, uns Ihren Aufenthaltsort mitzuteilen. Aber wir unterhalten uns besser an einem anderen Ort.“
 
Einige Minuten später saßen sich die beiden Frauen in der Krankenhauskantine bei einer Tasse Kaffee gegenüber. Daniela erfuhr, dass es Torsten in den letzten Monaten immer schlechter gegangen war. Er sei zwar schon immer etwas blass gewesen, doch die Adoptiveltern hatten es seinem raschen Wachstum zugeschrieben. Dann kam die traurige Mitteilung: Leukämie.
„Er hat in den letzten Wochen an Gewicht verloren. Die Chemotherapie schwächt seinen Organismus.“, erzählte Frau Jürgens und ihre Stimme zitterte.
„Die letzte Rettung ist eine Knochenmarktransplantation und die Suche nach einem Spender läuft. Mein Mann und ich kommen leider nicht in Frage. Aber vielleicht Sie, Daniela?“
 
Daniela brauchte nicht lange zu überlegen. Was sie zu tun hatte, wusste sie... Das Ergebnis der folgenden Gewebetypisierung war niederschmetternd: Danielas Knochenmark war mit dem ihres Sohnes nicht verträglich. Sollte der Junge keine Chancen haben? Er war doch noch so verdammt jung.
Jetzt saß Daniela an Torstens Bett und schaute in sein schmales, blasses Gesicht. Die Haare gingen ihm durch die Bestrahlung aus.
Da Torsten von seiner Adoption noch nichts wusste, stellte Frau Jürgens ihm Daniela als eine Bekannte vor, die sie zufällig hier in der Klinik getroffen hatte.
Daniela traf auch Herrn Jürgens, den sie ebenfalls schon von früher kannte. Er schien etwas distanzierter ihr gegenüber und sie glaubte, den Grund dafür zu kennen. Hatte er etwa Angst, sie würde ihren Anspruch auf den Jungen geltend machen?
 
Torstens schlechter Zustand schnitt Daniela ins Herz. Es musste eine Rettung für ihn geben. Robert! Sie schlug sich leicht mit der flachen Hand gegen die Stirn. Warum hatte sie nicht gleich an das nahe Liegende gedacht? Er war der leibliche Vater. Es gab keinen anderen Weg mehr, sonst würde der Junge sterben müssen.
 
Irgendwie hatte Daniela es geschafft, zu Robert vorzudringen. Irgendwie auch, ihm das, was ihr am Herzen lag, zu berichten. Sie musste dabei weit ausholen, und ließ sich nicht unterbrechen.
„Das muss ich erst einmal verdauen“, war seine erste Reaktion, nachdem sie geendet hatte.
„Warum zum Teufel hast du mir deine Schwangerschaft verheimlicht und bist sang- und klanglos verschwunden?“
„Ist das jetzt nicht Nebensache? Es geht um Torsten, hilfst du ihm oder nicht?“
„Was glaubst du denn, wen du vor dir hast? Gleich morgen in der Früh bin ich in der Klinik.“
 
Roberts Werte stimmten haargenau und einer Transplantation stand nichts mehr im Wege. Die Ärzte wollten auch keine unnötige Zeit mehr verlieren.
Die OP verlief ohne Komplikationen, das Ärzteteam war zufrieden. Nun hieß es, abzuwarten, wie der Junge auf das Spender-Knochenmark ansprach. Tage später standen alle um Torstens Bett herum: Die Jürgens, Daniela und Robert, der noch etwas geschwächt wirkte. Danielas Blicke wanderten zwischen Torsten und Robert hin und her. Was er wohl beim Anblick seines Sohnes empfand? Als eine Schwester bat, das Krankenzimmer zu verlassen, damit der Junge schlafen konnte, gingen Robert und Daniela in den Park hinaus und nahmen auf einer Bank Platz. Von der Seite her musterte sie ihn. Er hatte nichts von seiner Ausstrahlung verloren und ihr Herz schlug ein wenig höher. Nachdem er eine Weile von sich erzählt hatte, berichtete Daniela von ihrer Arbeit in der Boutique, auch er war, genau wie sie, nicht verheiratet.
„Du bist mir noch eine Antwort schuldig, Daniela“, meinte Robert schließlich.
„Warum bist du damals fort, ohne mir zu sagen, dass du ein Kind erwartest? Wir hätten geheiratet.“
„Siehst du, und genau deswegen ging ich. Eine Vernunftehe wäre für mich niemals in Frage gekommen. Und außerdem liebtest du deine Freiheit.“
„Zugegeben, aber du bedeutetest mir auch sehr viel.“ Daniela stand auf.
„Ich muss gehen Robert, Großmutter erwartet mich zum Abendessen.“
 
Zwei Tage später stand Daniela mit Robert am Bahnhof, sie musste zurück, denn Tante Klarissa war unverhofft erkrankt und brauchte sie in der Boutique. Vorher jedoch hatte Daniela Torsten in der Klinik besucht, denn sie wollte nicht fortfahren, ohne ihn noch einmal gesehen zu haben. Zu ihrer Beruhigung ging es ihm den Umständen entsprechend gut.
Sie hatte Frau Jürgens ihre Telefonnummer gegeben und darum gebeten, über Torstens Genesung zu berichten.
„Wie geht es mit uns weiter?“, fragte Robert. „Sehen wir uns wieder?“
„Was soll das bringen, Robert? Es ist so viel Zeit vergangen. Du bist mir nichts schuldig, meine einzige Sorge gilt Torsten und dass er wieder gesund wird.“
„Meine auch, Daniela. Doch es könnte für uns eine zweite Chance geben, glaubst du nicht? Ich hätte dich nicht einfach so gehen lassen sollen, damals, doch wir waren wohl beide noch sehr jung.“
Daniela lächelte, aber gerade, als sie etwas sagen wollte, fuhr der Zug in den Bahnhof ein und sie nahm ihm ihre Tasche ab.
„Lassen wir den Zufall entscheiden, Robert. Bitte.“
 
Es war etwa drei Wochen später zur Mittagszeit, als Robert plötzlich in der Boutique vor Daniela stand.
„Ich wollte nicht erst auf einen Zufall warten“, sagte er. „Ich bringe übrigens gute Nachrichten mit: Torsten ist über den Berg, morgen wird er die Klinik verlassen, und bald ein ganz normales Leben führen können.“
Eine schönere Freude hätte er ihr mit dieser Nachricht nicht machen können. Sie fiel ihm um den Hals den Tränen nah. Zum Glück war niemand im Geschäft.
 
„Frau Jürgens lässt dir ausrichten, dass wir beide zu Torstens Geburtstag eingeladen sind. Ich habe den Eindruck, die Zwei befürchten, wir könnten ihnen den Jungen nehmen wollen“, sprach Robert weiter. Daniela schüttelte den Kopf.
„Ich glaube, dass das rechtlich gar nicht möglich ist. Andererseits würde ich Torsten niemals vor eine solche Entscheidung stellen. Ich möchte, dass er glücklich ist und mich wenigstens ab und zu sehen möchte, wenn auch nur als gute Bekannte seiner Mutter. Eines Tages wird er von seiner Adoption erfahren und wer seine leiblichen Eltern sind. Doch die Jürgens lieben ihn auch und zum jetzigen Zeitpunkt würde die Wahrheit nur schaden.“
„Stimmt, Daniela, auch ich habe ihn bei meinen Besuchen lieben gelernt.“ Er schaute sie nun fest an.
 
„Und was ist mit uns?“ Robert schien nicht locker zu lassen und Daniela musste insgeheim lächeln, denn früher war er keineswegs so hartnäckig gewesen. Tat er dies aus Schuldgefühl? Daniela, die seit damals sehr misstrauisch war, scheuchte den Gedanken fort. Doch vielleicht meinte er es wirklich ehrlich! Sie verließen den Laden und Daniela schloss ab.
„Lass uns einfach nur Zeit, Robert“, flüsterte sie und hakte sich bei ihm ein. Dann schlenderten sie gemeinsam davon.
 
 
 
         
 
 
 
 
 
 
 

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