Es war wieder einer jener grauen und nebligen Novembertage, an denen man am liebsten zu Hause blieb und es sich am Kamin so richtig gemütlich machte – wohlgemerkt – es sei denn, man hatte einen. Nun gut, in meinen vier Wänden war es warm und gemütlich, was wollte ich denn mehr?
 
Ja, was wollte ich mehr? Da hätte ich Einiges aufzählen können: Vorrangig an erster Stelle: Wer bin ich und woher komme ich? Heute noch hängen mir die langen Jahre im Kinderheim nach, dem einzigen Zuhause, an das ich mich erinnern kann. Die Heimleiterin war eine sehr strenge und kaltherzige Frau gewesen, der man niemals etwas recht machte, geschweige denn, der man widersprach. Ich hatte damals so unendlich viel über meine Familie wissen wollen. Selbst die letzte und wichtigste Frage blieb offen: „Warum lebte ich in einem Heim, wo ich angeblich Großeltern besaß? Dass meine Eltern tot waren, hatte man mir gesagt, doch niemals erfuhr ich warum.
 
Ich trat zum Fenster, um nach den Nachbarkindern Ausschau zu halten, denn ihnen machte selbst das trübste Wetter nichts aus. So unbeschwert wie sie war ich als Kind leider niemals gewesen. Jetzt fiel mir der Umzugswagen vor dem Haus gegenüber auf. Wurde ja auch Zeit, dass dort jemand einzog, dachte ich. Stand mindestens ein halbes Jahr leer. Neugierig geworden, blieb ich am Fenster stehen und sah sie, eine Frau, sehr elegant gekleidet und, soweit ich erkennen konnte, älter als ich, so um die fünfzig.
 
Seit fünf Jahren lebte ich schon in diesem Stadtteil. Das Häuschen hatte ich durch eine Erbschaft erworben, und zwar von meinen Großeltern. Eine Ironie des Schicksals?
Wie ich erfuhr, waren beide sehr plötzlich kurz hintereinander verstorben, und da sie kein Testament hinterlassen hatten, wurde ich als die einzige Hinterbliebene ausfindig gemacht. Das Anwesen war glücklicherweise schuldenfrei und gut in Schuss,  so dass ich damals nur noch einzuziehen brauchte. Eine nette Nachbarschaft und die schöne Umgebung hatten dazu beigetragen, dass ich mich hier schon bald beheimatet fühlte.
Gegen einen kleinen Plausch an der Gartentür oder einen Kaffeebesuch, wenn ich eingeladen wurde, hatte ich nichts einzuwenden, blieb dennoch zurückhaltend und mied größere Menschenansammlungen. Irgendwie fühlte ich mich in meinen vier Wänden wohl und sicher. Daran scheiterte auch letztendlich meine knapp zweijährige Ehe.
Andreas hatte ich kurz nach meinem Einzug kennen gelernt und glaubte damals, er wäre für mich die große Liebe, nach der ich mich so sehnte. Er war gleichermaßen überzeugt gewesen, in mir das Absolute gefunden zu haben. Allerdings revidierte er seinen Eindruck recht bald wieder und sagte, ich wäre zu langweilig. Mit mir sei nichts los, meinte er, der nun mal ein Mensch war, der das Bad in der Menge suchte, viel Rummel um sich brauchte, gerne auf Parties ging und sich die Nächte um die Ohren schlug. Er hatte dabei erwartet, dass ich genauso empfand und war enttäuscht. So enttäuscht, dass ihn plötzlich sogar mein Broterwerb störte - ich nähte für „fremde“ Leute. Irgendwann ging jeder von uns zwangsläufig seine eigenen Wege und nach einer Weile ließen wir uns scheiden. Ich habe nie wieder etwas von ihm gehört.
 
Gegenwärtig hätte ich rundherum zufrieden sein müssen und wohl auch können, wäre da nicht dieser immer wiederkehrende Wunsch gewesen: zu erfahren, wer ich bin.
 
Das Erste, woran ich mich bewusst erinnern konnte, war der große Schlafsaal im Kinderheim. Aber ich musste zuvor noch an einem anderen Ort gewesen sein, wo es Menschen in weißen Kitteln und lange Flure gab. Ich war damals fast sieben Jahre alt - und meine Erinnerung geht auch heute noch nicht weiter zurück. 
Nach der Entlassung aus dem Heim machte ich eine Lehre als Näherin und fand enorm großen Gefallen an dieser Beschäftigung. Während meiner Lehrzeit bewohnte ich ein kleines Zimmerchen bei einer Lehrerwitwe und arbeitete mit mehreren Kolleginnen zusammen in einer größeren Schneiderei. Jahre später hatte ich es geschafft und mich selbständig gemacht. In meinem Häuschen richtete ich mir eine Schneiderstube ein.
 
Kurz nach dem Einzug in das Haus stieß ich bei der Säuberung des Kellers auf einen alten zerbeulten Lederkoffer. Leider war er abgeschlossen und der dazugehörige Schlüssel nirgends aufzutreiben. Kurz von dem Gedanken getrieben, dass dieser ein Geheimnis lüften könnte, wollte ich das Schloss aufbrechen. Im nächsten Moment erschien mir die Idee absurd und irgendwann hatte ich den Koffer und sein „Geheimnis“ vergessen.
 
Die erste Kundin an diesem nebligen Novembertag riss mich aus meinen Betrachtungen. Ich konnte mich nicht beklagen, meine Arbeit machte mir großen Spaß. In der Mittagszeit läutete es abermals, und meine Nachbarin, Frau Schiller, stand draußen und bat mich, für eine Stunde auf ihre kleine Tochter aufzupassen. Ich tat das gerne, denn ich mochte Kinder sehr.
Später, als Frau Schiller wieder kam, fragte sie mich, ob ich auch schon mitbekommen hätte, dass das Haus gegenüber verkauft sei. „Eine ganz elegante Dame“, meinte sie, bevor sie ging.
 
Einige Tage später sollte ich „ihr“ zum ersten Mal begegnen. Ich kam gerade vom Einkaufen nachhause, als die fremde Dame, die gegenüber eingezogen war, plötzlich aus dem Hoftor trat. „Hallo Frau Holt, Ihren Namen las ich auf dem Schild. Ich möchte mich auch bei Ihnen vorstellen, mein Name ist Hillmann. Darf ich ihnen ein Kompliment über ihren Garten machen?“
„Meinen Garten? Aber der ist nichts Besonderes, vor allem nicht zu dieser Jahreszeit.“, gab ich zurück.
„Aber man sieht dennoch, dass er gut angelegt und gepflegt wurde.“
Was will sie nur von mir, dachte ich und sagte nur: „Entschuldigen Sie, aber ich habe es eilig, meine erste Kundin für heute kommt gleich. Schönen Tag noch!“ Rasch schloss ich das Gartentor und ging zum Haus. Ich hatte wirklich keine Lust verspürt, mich mit der Frau zu unterhalten, und – ich kann nicht sagen warum – hatte ein eigenartiges Gefühl in ihrer Nähe empfunden. Dabei wollte sie ja nur freundlich sein. Irgendwie tat es mir später aber sehr leid, dass ich sie so hatte stehen lassen, und nahm mir vor, mich in den nächsten Tagen für mein Verhalten zu entschuldigen.
 
So kam es, dass ich drei Tage danach einfach zu ihr hinüberging. Sie war sehr freundlich und bat mich herein. „Schauen Sie sich ruhig etwas um, wenn Sie möchten“, meinte sie. „Ich koche uns währenddessen einen Kaffee.“
„Ja, gerne.“ Gerade wollte ich schon sagen, dass ich wenig Zeit hätte, aber etwas hinderte mich daran. In ihrem Wohnzimmer stehend hing mein Blick gebannt an einer Vitrine. Wie automatisch schienen mich die Füße voranzutreiben, bis ich vor dem Glasschrank stand.
Ich kann nicht behaupten, dass ich ein Freund von Porzellan-, Glasfigürchen und dergleichen war, doch mein Blick heftete sich an den kleinen Gegenständen fest, die da hinter den Glastüren standen. Merkwürdig, dachte ich, doch schienen sie mir so vertraut. Besonders das kleine Porzellanpferdchen und das Engelchen. „Gefällt es Ihnen?“, hörte ich plötzlich hinter mir Frau Hillmann fragen und war ein bisschen erschrocken.
„Ich habe mir nur alles angeschaut. Nein, ich mag lieber Dinge, die man anfassen darf, diese hier sind sehr leicht zerbrechlich.“ „Das ist wahr. Ist eben auch Geschmackssache. Normalerweise mag ich diesen Tand auch nicht, ist mehr der Erinnerungswert. Nun kommen Sie, sonst wird der Kaffee kalt.“ Sie zeigte zum Tisch und ich setzte mich ihr gegenüber. Ihr Blick war mir unangenehm, weil er mich zu durchdringen schien. Wäre ich doch gar nicht erst hergekommen, hätte sie ja sicherlich einmal auf der Strasse getroffen und mich entschuldigen können. Rasch trank ich meinen Kaffee und stand auf. „Danke für die Einladung, aber jetzt muss ich wieder an die Arbeit.“ Nichts wie weg, dachte ich, und in ihren Augen muss es fast wie Flucht ausgesehen haben, als ich ging.
 
Während ich so über meiner Nähmaschine saß, musste ich fortwährend an die Vitrine in Frau Hillmanns Wohnzimmer denken, besonders an die Figuren. Sie gingen mir nicht aus dem Sinn, erschienen mir so vertraut und dennoch war ich mir sicher, sie noch nie gesehen zu haben. In den nächsten Tagen sah ich die Frau häufig. Entweder stand sie bei einer Nachbarin oder grüßte mich, wenn ich vom Einkaufen kam.
 
Eines Tages jedoch kam der Postbote mit einem Paket und fragte, ob ich es für Frau Hillmann entgegen nehmen könnte, sie sei nicht da. Nun blieb mir kaum Anderes übrig, und als ich sie gegen Abend heimkommen sah, brachte ich es gleich zu ihr hinüber. Sie war wie immer äußerst freundlich und bat mich für einen Moment herein. Dieses Mal führte sie mich in einen kleinen Raum, der mir recht gut gefiel. Beim Blick auf ein Regal entdeckte ich Bilder. Ich ging näher, um sie mir richtig anzusehen. Sie waren offensichtlich schon älter und mein Blick blieb auf einem jungen Paar hängen, das verliebt in die Kamera blickte. „Mein Bruder und seine Frau“, hörte ich da Frau Hillmanns Stimme direkt neben mir und fühlte mich ertappt. „Leben sie auch hier?“ ich fragte eigentlich nur aus Höflichkeit. „Nein, sie sind tot, tragische Geschichte. Liegt schon viele Jahre zurück.“ Ich glaubte Trauer aus ihren Worten zu hören und sagte deshalb: „Tut mir leid, ich gehe dann lieber wieder.“
„Es muss ihnen nicht leidtun, aber …“ Sie schien zu überlegen „darf ich Ihnen die Geschichte erzählen? Aber nur wenn Sie möchten, will mich gewiss nicht aufdrängen.“ Ich zögerte, wenig begeistert, mir die Geschichte fremder Menschen anzuhören. Aber dann siegte doch meine Neugier…
 
So erzählte Frau Hillmann von Marianne und Robert, einem Paar, das ungleicher nicht hätte sein können. Sie, ein Mädchen aus gutem Hause und als einzige Tochter eines Finanzbeamten und einer Lehrerin wohl auch sehr verwöhnt, er, Artist bei einem Zirkus und somit auch nicht die richtige Partie für Marianne. Doch gerade diesen Mann hatte sie gewollt und diese Eröffnung sollte zum Zwist mit den Eltern führen.
Marianne reiste mit Robert überall hin, wo er auftrat, und hatte sich in seinem Erfolg gesonnt. Eines Tages lernte sie auch seine Schwester Eva kennen, welche von Anfang an eine Abneigung dem Mädchen gegenüber verspürte.
„Ihre Augen sind kalt“, sagte sie zu ihrem Bruder, „Es fehlt ihr das Wesentliche, das Herz.“ Robert hatte darüber gelacht und Marianne bald geheiratet. Dann wurde die kleine Helena geboren, die nun auch mit in dem engen Wohnwagen lebte. Dass das Kind überwiegend von den Eltern der anderen Artistenkinder mitversorgt wurde, erfuhr Eva erst viel später einmal.
Nach einem Jahr hatte Robert einen Unfall in der Manege, der ihn zwang, seine Laufbahn als Artist aufzugeben. Die Suche nach einer anderen Arbeit begann, was sich nicht so einfach gestaltete, denn er besaß ja keinerlei berufliche Kenntnisse. Das Geld von der Unfallversicherung reichte nicht ewig, und so zogen sie in sein Elternhaus, wo auch Eva lebte. Die Gemeinschaft schien von Anfang an unter keinem guten Stern zu stehen, denn es herrschten schon eingangs große Spannungen vor.
Die beiden Frauen mochten sich nicht und Robert litt darunter. Dann und wann bekam er ein paar Gelegenheitsjobs, arbeitete dort aber immer nur für kurze Zeit und Marianne klagte ständig, weil er sie ihrer Meinung nach finanziell zu kurz hielt.
Das aber wiederum hatte einen nachvollziehbaren Grund, denn sie gab alles ihr zur Verfügung stehende Geld mit vollen Händen aus. Kaufte Sachen, die unnötig und nutzlos waren, und so manche wichtige Rechnung wurde erst dann bezahlt, als die erste Mahnung kam. Auch für das Kind sorgte sie nicht so, wie es sich für eine Mutter schickte, fand jedenfalls Eva. Die kleine Helena war öfter in ihrer Obhut, während Marianne lieber bummeln ging oder lange schlief. Robert dagegen schien gar nicht zu merken, was geschah.
 
Irgendwann blieben auch die Jobs aus und eine dauerhafte Arbeitsstelle schien nicht in Sicht. Robert war oftmals unzufrieden und wenn Marianne ihn um Geld bat, lehnte er ab. Dies führte eines Tages zu ersten ernsthaften Streitereien. So kam es, wie es kommen musste: er war fortan nur noch selten zu Hause. Marianne gefiel es auch nicht, wenn er sich oft zu Eva zurückzog. Die Stimmung wurde immer unerträglicher, bis er endlich Arbeit fand.
Danach schien es, als würde sich die Situation wieder entspannen. Auch Marianne gab sich Mühe, eine gute Hausfrau und Mutter zu sein. Doch vor allem Letzteres fiel ihr zunehmend schwerer, je älter das Kind wurde.
 
Eva hörte ihre Nichte oftmals weinen, wenn die Mutter mit ihr gebrüllt und sie gescholten hatte. Sie glaubte sogar, dass sie das Mädchen schlug. Dennoch hielt sie sich mit ihren Vermutungen zurück. Dann kam Helenas 6. Geburtstag.
 
Das Kind ging damals mit den Eltern zum ersten Mal ins Kino zu einem Märchenfilm. Robert traf dort im Foyer zufällig eine Arbeitskollegin, die ebenfalls mit ihrer Tochter in die Vorstellung wollte. Eva hatte später, als die Drei wieder zu Hause waren, den Streit mitbekommen. Demnach soll Robert wohl ein bisschen zu freundlich zu seiner Kollegin gewesen sein, was Marianne ihm vorwarf. Diese Tatsache und die spätere Diskussion war dann eigentlich der Anfang vom Ende gewesen.
Robert musste oft Überstunden machen, und Marianne hatte den Verdacht, dass er sie mit der Kollegin betrog. So folgte eine Eifersuchtsszene nach der anderen. Das ging über Monate so. Manchmal schien es zwar, als würde endlich Friede einziehen, doch der hielt meist nur eine kurze Zeit. Dann kam der Tag, an dem alles zerbrach.
 
Das Kind lag schon im Bett, als Robert heim kam und Marianne ihn gleich mit einer neuen Szene begrüßte. Eva hatte dies alles mitbekommen, weil die Streitigkeiten laut ausgetragen wurden. Aber erst in dem Moment, als Roberts laute Stimme förmlich um Hilfe schrie, rannte sie in die Wohnung nach unten. Die Eingangstür stand zum Glück offen, und sie konnte hinein. Das Bild, das sich ihr bot, war entsetzlich, denn Marianne, das Gesicht verzerrt vor Zorn, stach immer wieder mit einem ihrer Küchenmesser auf den armen Robert ein, der sich zur Wehr setzte, doch ohne Erfolg. Da erblickte Eva die Bratpfanne auf dem Herd, nahm sie und schlug wie wild auf Mariannes Kopf, bis diese zusammenbrach.
Dann schaute sie entsetzt auf und – sah das Kind in der Küchentür stehen, wie zu einer Salzsäule erstarrt.
 
Hier machte Frau Hillmann eine Pause und ich merkte, wie ihre Hände zitterten. Die Erinnerung ließ sie um Fassung ringen. Dann erfuhr ich weiter, dass sie das Kind wieder zurück ins Bett gebracht hatte, wo es sich willenlos wie eine Puppe zudecken ließ, die Augen immer noch vor Schreck weit aufgerissen. Eva rief nun die Polizei und den Krankenwagen. Doch jede Hilfe kam zu spät, Robert war an seinen vielen Stichwunden verblutet und Marianne durch die Schläge auf den Kopf so schwer verletzt worden, dass sie noch auf dem Küchenboden starb. Eva wurde an Ort und Stelle verhaftet und man sorgte dafür, dass die kleine Helena noch am selben Abend von einer Fürsorgerin abgeholt wurde.
 
Eva hatte den Beamten die ganze Geschichte erzählt, und dass sie nicht die Absicht gehabt hatte, Marianne zu töten, sondern sie nur daran hindern wollte, Robert umzubringen. Das würde sich auf das Urteil strafmildernd auswirken. Das Kind konnte man allerdings nicht verhören, weil es unter Schock stand und zudem sich an nichts erinnerte, Helena sprach sogar kein Wort mehr.
 
Der Rest war schnell erzählt, Eva bekam 7 Jahre Gefängnis. Anschließend hatte sie sich nach ihrer Nichte erkundigt und erfahren, dass sie damals nach diesem Ereignis in eine Kinderpsychiatrie gekommen war, weil die Ärzte glaubten, sie von ihrem Schock zu heilen. Im Anschluss brachte man sie in einem Kinderheim unter und Eva erfuhr, dass Helena auch wieder angefangen habe, zu sprechen, sich allerdings an das Geschehnis und die Zusammenhänge immer noch nicht erinnern konnte.
 
„Und Sie haben nie wieder von ihr gehört?“, fragte ich, weil mir urplötzlich ein absurder Verdacht kam.
Frau Hillman erzählte weiter:
„Ich habe beim Jugendamt angerufen, aber die wollten mir nicht mitteilen, in welches Heim man Helena gebracht hatte. Sie war zu diesem Zeitpunkt schon 14 Jahre alt, doch es sei besser für das Mädchen, so die Meinung der Fürsorgerin, wenn ich ihr fernbliebe. Nach dem Schock damals sei ich ohnehin nur eine Fremde für sie. Um mich aber etwas zu beruhigen, erklärte mir die Dame, dass Helena mittlerweile sprach und auch wieder etwas Spaß am Leben habe. Was hätte ich denn tun sollen, Frau Holt?“
 
Sie sah mich dabei eigenartig an und sprach weiter, „So verkaufte ich ein paar Wertgegenstände aus meinem Haus und flog in die Staaten. Dort lernte ich Tom Hillmann kennen, einen Deutschen. Wir verlebten eine glückliche Zeit zusammen, aber leider starb er vor zwei Jahren. Er hinterließ mir ein paar Immobilien und ich ging zurück nach Deutschland. Dann fing ich an nach meiner Nichte zu suchen, doch ohne Erfolg. Naja, immerhin ist sie ja jetzt eine junge Frau von 32 Jahren.“
 
„Und Ihr Haus, was ist damit geschehen?“, wollte ich nun wissen.
„Das und einen Teil des Inventars habe ich verkauft. Ich hätte dort nach alledem nicht mehr leben können. So kam ich hierher, man bot mir das Anwesen an und es gefiel mir in dieser Gegend sehr gut.“ Für einen Moment waren meine Gedanken nicht bei dem Gespräch. Nach einer Weile des Schweigens erhob ich mich und ging nach einem Gute-Nacht-Gruß nach Hause. Ich hatte nur noch das Bedürfnis, allein zu sein.
 
Das Gehörte musste ich erst einmal verdauen.
Helena hieß das Mädchen, ich dagegen Lena, was eine Abkürzung von Helena sein konnte.
Soweit ich zurückdachte, hatte man mich so genannt, und es stand auch in meinem Ausweis. Lena Holt, aber das war ja nicht mein Mädchenname, der lautete Volk. War ich womöglich jene Helena, von der Frau Hillmann erzählte?   Also ihre Nichte? Dann müsste ihr Mädchenname auch Volk sein, und auch der meiner Eltern, an die ich mich genauso wenig erinnerte wie an eine Tante.
 
Das Einfachste wäre gewesen, ich hätte sie danach gefragt. Doch eine innere Stimme hielt mich zurück. Helena hatte durch dieses Erlebnis einen so großen Schock erlitten, dass sie sich nicht mehr erinnern konnte, als man sie ins Heim brachte. Ich verbrachte ebenfalls viele Jahre in einem Heim und hatte ebenfalls keine Erinnerung an die Zeit, bevor ich dorthin kam, konnte mich aber dunkel und nur sehr ungenau daran erinnern, dass ich vorher noch in einem Krankenhaus gewesen sein musste. Und an die Sache mit den Großeltern, die nichts von mir wissen wollten. Helenas Großeltern hatten sich ja von Marianne losgesagt, weil diese einen unwürdigen Mann geheiratet hatte. Das waren Puzzleteile, die irgendwie schon zusammen passen konnten.
 
Mich ließ dies alles nicht mehr ruhen und ich begann nun, das Haus systematisch auf den Kopf zu stellen, suchte nach Beweisen, die mich wirklich als Helena identifizieren würden. War dies nur eine fixe Idee oder vielleicht doch die Wahrheit, nach der ich solange gesucht hatte? Dann kam Eva Hillmann auf einen Besuch zu mir rüber, und ich erzählte ihr von mir und von dem Koffer im Keller. Wir holten ihn und versuchten gar nicht erst, den Schlüssel zu suchen, sondern nahmen ein Messer und schnitten kurzerhand das Leder auf.   Würde ich hier vielleicht die Wahrheit über mich finden, die ich bereits durch Eva Hillmanns Schilderung zu wissen glaubte? Bis jetzt waren es ja nur Vermutungen und nichts weiter.
Doch ich fragte mich mittlerweile, ob Eva Hillmann wirklich unwissend im Bezug auf mich war, oder genau wusste, wer ihr gegenüber wohnte? Oder wollte sie nur erreichen, dass ich von selbst draufkam? Der Koffer war voll von allerlei Dingen. Neben ein paar mit Kordel zusammengeschnürten Büchern und einem Poesiealbum lagen darin Haarspangen, Stirnbänder, Schleifen fürs Haar, Kosmetikspiegel und viele kleine Dinge, die ein junges Mädchen sicher gut gebrauchen konnte. Und dass es sich hier um solche Sachen handelte, war mir klar. Wir räumten alles heraus und fanden eine Pappschachtel gefüllt mit Bildern. Eva Hillmann nahm sie zur Hand und fing an, sie zu betrachten. Ich scheute mich etwas davor, einen Blick zu riskieren.
 
„Hier, sehen Sie mal, das ist Marianne…..“ sie reichte mir einige Bilder und ich erkannte das Mädchen von der Fotografie in Evas Haus. Es waren auch Aufnahmen darunter, die sie in jüngeren Jahren zeigten, einige davon sogar mit den Eltern. Somit hätte es eigentlich keinerlei Zweifel bedurft.
Bin ich also wirklich diese Helena? fragte ich im Stillen.  Doch irgendwie war ich noch nicht überzeugt genug davon. Wir kramten weiter den Koffer durch und fanden schließlich einen Ordner mit schon teilweise vergilbten Blättern. Das einzige, was mich an all diesen Seiten interessierte war ein Schriftstück, Mariannes Geburtsurkunde, vielmehr eine Kopie davon. Danach lautete ihr Mädchenname Mayhofer, wie meine Großeltern.
 
„Es scheint so, als hätten Mariannes Eltern alles in den Koffer verbannt, was sie an ihr Kind erinnerte, sogar die Geburtsurkunde. Die müssen wohl sehr enttäuscht gewesen sein, dass sie einem Mann gefolgt ist, der ihnen nicht standesgemäß war“, sagte ich leise. Wie konnten die Beiden nur damit leben, ohne von Schuldgefühlen heimgesucht zu werden? Mir war das schleierhaft.
 
„Sieht so aus, und im Normalfall hätte man Mitleid mit Marianne haben müssen, aber nicht einmal in diesem Augenblick kann ich dieses Gefühl aufbringen. Tut mir leid.“ Evas Stimme klang voll Trauer und ich glaube, sie dachte dabei an ihren Bruder Robert.
„Ich gehe jetzt wohl besser, wenn etwas ist, dann wissen Sie ja, wo ich bin.“
Als ich allein war, sah ich mir all die Dinge aus dem Koffer nochmals an. Es war nichts darunter, was eine Erinnerungslücke hätte schließen können. Ich legte alles wieder sorgfältig hinein, da fielen mir Bilder in die Hände, die ich noch nicht gesehen hatte. Es waren Kinderbilder, Marianne musste damals so 10 oder 12 gewesen sein. Ich stand auf und holte mein einziges Bilderalbum hervor, in dem es auch Kinderfotos von mir gab, die man im Heim gemacht hatte. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich so ungefähr 12 gewesen war.
Meine Fotos waren in Farbe, die von Marianne schwarz-weiß, doch man konnte unverkennbar die Ähnlichkeit zwischen uns erkennen.
 
Ich schlief sehr schlecht in dieser Nacht. Wälzte mich von einer Seite auf die andere und hatte Schweißausbrüche. Dann fiel ich kurz in den Schlaf und träumte wirres Zeug, da waren auch diese Figürchen, und ich hatte zwei davon kaputt gemacht, das Pferdchen und das Engelchen. Meine Mutter hatte sehr gebrüllt mit mir und mich geschlagen, denn sie liebte diesen Krimskrams. Sie klebte es wieder, doch die Bruchstellen konnte man beim genauen Hinsehen erkennen. Ich war froh, als der Tag begann. Doch dieser Traum war gegenwärtig und mich beschlich die Ahnung, dass es vielleicht gar keiner war...? Ich dachte an die Vitrine in Evas Wohnzimmer, deren Inhalt mich so angezogen hatte. Konnte dieser Traum womöglich ein Bruchstück meiner Erinnerung sein? 
 
Eva Hillmann machte mir gleich auf, als ich gegen Mittag klingelte. Ich hatte sogar die beiden Bilder mitgebracht, sie aber noch in meiner Jackentasche belassen. „Entschuldigen Sie den Überfall, aber, und jetzt halten Sie mich nicht für verrückt, ich möchte mir einmal einige Figuren in der Vitrine ansehen, wäre das zu machen?“ Ich konnte nicht verhindern, dass meine Stimme leicht zitterte.
„Warum nicht, kommen Sie mit.“ Wir gingen ins Wohnzimmer und sie öffnete die Glastüren. Dann trat sie zur Seite und ich ging zaghaft näher.
Was, wenn die beiden Figuren, um die es ging, nun völlig heil waren und keine Bruchstellen hatten? Gut, das musste ich riskieren und ergriff das Engelchen zuerst, drehte es in meiner Hand um und betrachtete es von allen Seiten. Mit einem Mal wusste ich, dass es der rechte Flügel war, der geklebt sein musste. Dann sah ich die Bruchstelle. Genauso das Pferdchen, da wusste ich, es war das rechte Vorderbein.
 
„Ich habe es von Anfang an gewusst, dass du Helena bist“, hörte ich nun Evas Stimme. „Ich hoffte, ja ich wünschte es regelrecht, dass du selbst es herausfindest. Nachdem ich wieder von Amerika zurück war, habe ich nach Mariannes Eltern geforscht und erfuhr, dass sie beide kurz hintereinander verstarben. Es war nun nicht schwer zu erfahren, dass die einzige Enkelin das Häuschen geerbt hatte. Und der Zufall spielte mit, ich fand dieses leerstehende Haus. Zuerst war ich irritiert, als der Name Holt an deinem Briefkasten stand und nicht Volk, doch ich erfuhr von einer Nachbarin, dass du geschieden bist.“
Dann schwieg sie und auch ich brachte keinen Ton heraus. 
 
„Dann bin ich also Helena?“ Wenn noch ein Fünkchen Unsicherheit in mir war, so verschwand diese in dem Augenblick, als Eva mir ein anderes Bild von Helena zeigte, auf dem das Gesicht recht groß und zur Seite geneigt zu sehen war. Auf der Rückseite stand das Datum ihres 6. Geburtstages. Und ich sah noch etwas Anderes: den sichelförmigen Leberfleck direkt unter dem linken Ohrläppchen. Genau wie bei mir.
 
Nun wusste ich endlich, wer ich bin und woher ich kam. Es würde nicht leicht sein, damit zu leben, dass die eigene Mutter den Vater und die Tante die Mutter getötet hatte, wenn auch nicht absichtlich. Aber meine Mutter….? Ich habe bestimmt nicht das Recht, sie zu verurteilen, Oder doch? Hat sie nicht auch mich indirekt auf dem Gewissen? Ich empfinde keinen Hass gegen sie, nur eine tiefe Leere und Gleichgültigkeit, die ich nicht zu beschreiben vermag.
Die Sache mit den zerbrochenen Figürchen ist auch bis heute die einzige Erinnerung an alles geblieben. Und oft bete ich jetzt sogar, dass keine weiteren Erinnerungsbruchstücke mehr den Weg zu meinem Gedächtnis finden mögen.

Eva und ich haben uns im Laufe der nächsten Monate Vieles erzählt und wir sind oft gemeinsam unterwegs. Ihr verdanke ich auch, dass sie mich so allmählich aus meiner Abgeschiedenheit hervorgeholt hat. Wir wohnen beide in unseren eigenen vier Wänden, und wollen das auch nicht ändern. Und ich bin froh, dass Eva nun ebenfalls zu einer meiner besten Kunden gehört.
Doch was noch viel wichtiger ist: Wir sind gute Freundinnen geworden.
 
 
                                         
      
 

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