Im letzten Grundschuljahr war Tim Simoneit mit seinen Eltern von Hannover in unsere süddeutsche Kleinstadt gezogen. Sein Vater war Arzt und hatte die Praxis eines Verwandten übernommen.  
Tim kam in meine Klasse und trug immer piekfeine Sonntagsklamotten. Er hatte gute Noten, war fleißig und ein Streber, was man von uns anderen Jungs nicht gerade behaupten konnte. Er war still, unauffällig und zurückhaltend. Steckte seinen Kopf lieber in ein Buch, anstatt ihn bei Raufereien in Gefahr zu bringen.
Wir hielten ihn daher für eingebildet und schenkten ihm keine Beachtung.
 
So verging der Sommer, es wurde Herbst und Winter.   
Kurz nach Neujahr wollte ich endlich meine neuen Schlittschuhe ausprobieren. Der Waldsee war zugefroren und ich machte mich auf den Weg dort hin. An jenem Nachmittag tummelten sich nur wenige auf dem Eis, unter ihnen entdeckte ich auch Tim, was mich doch etwas wunderte, da er meist zuhause über einem Buch saß. Ich ignorierte ihn, auch dann noch, als wir beide die letzten auf dem See waren. 
 
Übermütig vollführte ich nun ein paar kleine Kunststücke, die ich oft bei den Älteren gesehen hatte. Dabei musste ich wohl an den Warnschildern vorbeigelaufen sein, die darauf hinwiesen, dass das Eis hier an einigen Stellen recht dünn war. Bevor ich meinen Fehler erkannte, brach auch schon die Eisdecke unter mir ein und ich versank sofort im kalten Wasser. Ich strampelte mit den Beinen, aber jeder Versuch, von allein herauszukommen, war zwecklos. Meine dicke Jacke saugte sich in Windeseile mit Wasser voll und drohte, mich ganz nach unten zu ziehen. In meiner Panik schlug ich wild mit den Armen um mich und schrie laut um Hilfe. Wo war Tim? Warum hörte er mich denn nicht? Dann war er plötzlich da und ergriff meine Arme. Zum Glück hielt das Eis unter ihm. Vergeblich versuchte er, mich aus dem Wasser zu ziehen, aber es gelang ihm nicht. „Halte durch“, schrie er mir zu, „ich hole Hilfe, schaffe es allein nicht.“ Dann war er verschwunden und die Zeit bis zu meiner Rettung kam mir endlos vor.
Von diesem Tag an waren wir die besten Freunde und unzertrennlich geworden. 
 
Nach Beendigung des Schuljahres wechselte ich in die Hauptschule über, während Tim aufs Gymnasium ging. Auch dort blieb er ein Außenseiter. Da wir beide recht gegensätzlicher Art waren, profitierten wir voneinander. So wurde ich etwas ruhiger und Tim ließ sich öfter einmal von mir überreden, ins Kino oder auf den Sportplatz zu gehen. Lesen war und blieb seine liebste Beschäftigung, wenn wir nicht beisammen waren. Eines Tages vertraute er mir an, dass er heimlich Gedichte und Geschichten schrieb. Seine Eltern sollten es aber nicht wissen. Er gab mir einiges zum Lesen und ich fand die Kurzgeschichten sogar sehr gut. Mit Gedichten konnte ich allerdings nichts anfangen.
„Warum wirst du nicht Schriftsteller?“, fragte ich ihn damals.
„Würde ich ja gerne, aber mein Vater kriegt einen Herzinfarkt, wenn er das hört. Er will, dass ich Arzt werde, genau wie er, Großvater und Onkel Friedrich, dessen Praxis Papa hier übernommen hat.“
 
Nach dem Abitur begann Tim mit seinem Studium. Ich selbst hatte inzwischen eine Kfz-Lehre hinter mich gebracht und einen Arbeitsvertrag in der Tasche. 
Tim fühlte sich nicht glücklich in seiner Haut. Wenn es unsere Zeit erlaubte, saßen wir beide stundenlang in Tims Zimmer, und er las mir Geschichten vor. Er hatte Talent, konnte wunderbar vorlesen und ich merkte, wie er mit seinem Text verschmolz. Hier war er daheim, nicht in der sterilen Ärztewelt. 
Wie konnte man das seinen Eltern nur beibringen?  
 
Nach drei Semestern warf Tim das Studium hin. Sein Vater war darüber so enttäuscht gewesen, dass er tagelang nichts mehr mit ihm redete und sein Taschengeld streichen wollte, wenn Tim es sich nicht noch mal überlegte. Aber mein Freund blieb diesmal hart, was die Spannung zwischen Vater und Sohn fast zum Zerreißen brachte.  
Und dann „erwischte“ uns Herr Simoneit – ich war gerade bei Tim und er las mir seine neueste Kurzgeschichte vor. Sie war so spannend gewesen, dass wir beide Zeit und Raum vergaßen und das Öffnen der Tür überhörten. Nun konnte Tim nicht mehr zurück und er stellte seinen Vater vor die endgültige Tatsache, dass er Schriftsteller werden wollte.
 
„Was?“, schrie dieser und sein Gesicht lief rot an. Wir zuckten beide zusammen. „ein Schreiberling? Da arbeite ich Tag für Tag, damit du es einmal gut hast und dann kommst du mir mit Undank. Und wovon willst du leben, bis du irgendwann vielleicht mal was verkaufst? Wenn überhaupt.“ Der letzte Satz hatte sehr zynisch geklungen, fand ich.
Warum glaubten Väter immer, dass sie nur zum Wohle der Kinder handelten? Im Grunde genommen taten sie es doch nur für ihr eigenes Ego.
 
Herr Simoneit hatte kein Verständnis für das, was seinen Sohn interessierte und es kam zum Bruch. Tim packte seine Sachen und zog fürs Erste zu uns. Ab und zu besuchte ihn seine Mutter, heimlich, wie sie uns erzählte, denn gegen die Sturheit ihres Mannes kam sie nicht an. Sie steckte Tim Geld zu, von dem er sich eine Schreibmaschine kaufte, um schneller schreiben zu können.
 
Wieder verging die Zeit und bald wohnte Tim drei Jahre bei uns. Er nahm an Literaturwettbewerben teil und hatte endlich Glück mit ein paar Kurzgeschichten. Sie wurden angenommen. Auch an bekannte Illustrierten schickte er Texte, die gedruckt wurden. Er bekam sogar ein kleines Honorar dafür, das er meiner Mutter für Kost und Logis gab.
Durch seinen ersten Erfolg motiviert, hielt Tim Vorlesungen in Büchereien. Dabei lernte er eines Tages durch Zufall einen Mitarbeiter vom Rundfunk kennen, der ihm eine Vorlesestunde beim Radio verschaffte.
 
Eines Tages wurde ein Münchner Verlag auf Tim aufmerksam, als er an einem von ihnen ausgeschriebenen Literaturwettbewerb teilnahm. Er gewann den ersten Preis und ich war sehr stolz auf meinen Freund. Der Verlag machte ihm ein Angebot, das er nicht ausschlug. Tim sollte eine Serie von Kurzromanen schreiben und zwar für eine bekannte Illustrierte, die wöchentlich erschien. Und das selbstverständlich gegen Bezahlung.
Ich freute mich sehr für ihn, auch wenn ein kleiner Wermutstropfen damit verbunden war: ein Abschied.  
 
Tims Abreise hinterließ eine große Lücke in meinem Leben und auch er vermisste mich, wie er mir bei einem unserer zahlreichen Telefongespräche erklärte, die in den nächsten Jahren die einzige Brücke zwischen uns war.
Auch nach meiner Heirat und der Geburt zweier Töchter riss unsere Verbindung nicht ab und wir besuchten ihn einige Male in München, wo er sehr zurückgezogen lebte. Er hatte nur wenige Bekannte und machte - als Ausgleich zu seiner Arbeit – lieber lange Spaziergänge.
 
So hatte ich mir im Laufe der Jahre eine stattliche Geschichtensammlung von Tim angelegt. Sogar fünf Romane in gebundener Form waren darunter, die zwar keine Bestseller geworden sind, aber dennoch guten Absatz fanden.
Mittlerweile verfügten wir auch über einen Computer, und das Internet vereinfachte unseren regelmäßigen Schriftverkehr. Auch Tim hatte es jetzt leichter, seine Texte zu schreiben und abzuspeichern.
 
Seit mehr als einem Jahr arbeitete er nun schon an seinem sechsten Buch. Bei unserem letzten Telefonat hatte er sehr geheimnisvoll getan, als ich ihn nach der Handlung fragte. Von seinen vorherigen Büchern hatte ich nämlich immer eine kleine Leseprobe bekommen. „Diesmal musst du dich überraschen lassen, ich verrate nichts“, gab mir Tim zur Antwort. Seine Stimme wirkte schleppend, apathisch. Er machte einen müden und erschöpften Eindruck auf mich, und als ich ihn darauf ansprach meinte er: „Ich arbeite einfach nur zu viel, oftmals die halbe Nacht, da kann es vorkommen, dass ich tagsüber müde bin.“
„Wie wäre es, wenn ich dich am nächsten Wochenende besuche? Dann schaltest du einfach mal zwei Tage ab und wir machen uns eine schöne Zeit, so wie früher?“
Ich hatte gehofft, er würde meinen Vorschlag annehmen, doch da lag ich falsch.
„Später vielleicht, ich möchte lieber erst das Buch zu Ende schreiben, das kannst du doch sicher verstehen?“
Ich verstand ihn, auch wenn ich gerne hingefahren wäre.
 
 
                                 ***********
 
Es regnete in München und ich stand immer noch hier und schaute in das Grab hinunter, wo sich Erde und Wasser allmählich vermischte. Die Beerdigung war endlich vorbei, aber ich wollte noch eine Weile allein bleiben, um von Tim Abschied zu nehmen. Von meinem Freund, der viel zu früh hatte gehen müssen. Fünfundvierzig! Das war kein Alter zum Sterben, aber der Krebs entschied sich gegen ihn, riss ihn mitten aus dem Leben, das nur durch seine Schreiberei einen wahren Sinn bekommen hatte. Keiner wusste etwas von der Krankheit, außer seinem Arzt natürlich. Nicht einmal mich hatte er eingeweiht, seinen Freund. Sicher wollte er mich damit nicht belasten. Still und unauffällig, wie er gelebt hatte, war er auch gestorben und hinterließ eine große Leere in mir. Meine Kehle wurde plötzlich eng und ich fühlte ein Brennen in den Augen. Endlich konnte ich weinen.
 
Tims Hinterlassenschaft an mich bestand aus der alten Schreibmaschine, zahlreichen Büchern und einem handsignierten Exemplar seines letzten Romans, der in wenigen Tagen erscheinen sollte. 
Seine Autobiographie! Deshalb hatte er so geheimnisvoll getan.
Meine Hände zitterten leicht, als ich das Buch aufschlug und las:
„Für Michael, dem einzigen Freund, den ich jemals hatte. In tiefer Dankbarkeit, Tim.   
 

         


powered by Beepworld