Es war an einem sonnigen Tag, Anfang Mai des vergangenen Jahres. Ich saß im Wartezimmer meines Hausarztes und blätterte ziemlich gelangweilt in einer der zahlreichen Illustrierten, die auf einem kleinen Tischchen lagen. Normalerweise tat ich dies nie, da es sich meist um Frauenmagazine oder medizinische Ratgeber handelte. Doch ich erinnere mich noch genau daran, dass ich an diesem Tag sehr unter Nervosität litt, die sicherlich Ursache meiner häufigen Magenbeschwerden war. Außerdem hatte ich vor meinem Arztbesuch noch einen Streit mit meiner Frau und es ging, wie schon sooft in den letzten zwei Jahren, um Geld.
Mich ablenkend, blätterte ich in der Zeitschrift, überflog Kochtipps, dekorative Anleitungen bunter Sommergestecke, Anregungen für einen Kindergeburtstag, Klatschgeschichten aus dem Hochadel und den neusten Skandal um irgendeinen prominenten Filmstar. Überflog ebenfalls ein halbfertiges Kreuzworträtsel, das sicherlich ein anderer Patient begonnen hatte und kam schließlich zu einem Bericht mit der Überschrift „Unser schönes Deutschland“.
Als die freundliche Arzthelferin ins Wartezimmer kam, um den Herrn neben mir aufzurufen, blickte ich kurz von meiner Lektüre hoch, vertiefte mich aber gleich wieder darin, denn der Artikel über ein Dörfchen mitten im Schwarzwald, mit Namen Langenbrand, hatte mein ganzes Interesse geweckt. Ich war so versunken in diesen Bericht, dass ich aufschreckte, als man mich schließlich ins Arztzimmer rief. Gedankenverloren nahm ich die Illustrierte mit ins Sprechzimmer und las weiter darin, bis der Doktor kam.
Auch in den nächsten Tagen ließen mich die Bilder dieser idyllischen Landschaft nicht los. Die Großstadt, in der ich bisher immer gerne gelebt habe, zerrte schon seit Monaten an meinen Nerven. Lärm und Hektik waren kaum mehr zu ertragen. Der ständige Streit mit Susanne, meiner Frau, hatte sich bereits wie ein Geschwür in mir festgefressen. Seit Kurzem griff ich sogar wieder häufiger zu Zigaretten.
Ich hielt nie etwas von Überstunden, weil das Familienleben darunter litt. Doch seit fast einem Jahr verließ ich das Geschäft erst spät abends, um dem täglichen Chaos zu Hause so wenig wie möglich ausgesetzt zu sein.
Dabei hatte alles so schön begonnen. Vor zweieinhalb Jahren.
Als ich, gerade 37 Jahre alt, Susanne kennen lernte und mich in sie verliebte, war sie zweiundzwanzig und Siegerin eines Schönheitswettbewerbs geworden. Ich saß in der Jury und hatte nur Blicke für das blonde Mädchen in dem silberfarbenen Bikini auf der Bühne. In der darauf folgenden Zeit war ich ihr ständiger Begleiter. Dass sie mich ebenfalls liebte, empfand ich als ein großes Glück.
Obwohl ich kein allzu großer Gesellschafter bin, begleitete ich sie zu Partys und Fototerminen, beriet sie sogar gerne beim Kauf ihrer Garderobe. Susanne sonnte sich in dem Trubel, der um sie gemacht wurde genauso, wie ich es genoss, an ihrer Seite zu sein.
Anfangs! Modeagenturen rissen sich um „meine“ Susanne und bald hatte sie einen Zeitvertrag in der Tasche. Wochen und Monate vergingen, und wir verlobten uns, auch wenn Freunde und Bekannte mir davon abrieten.
„Die ist doch viel zu jung für dich, Marco“, meinte mein Geschäftspartner, mit dem ich ein kleines, aber gut florierendes Computergeschäft betrieb. Auch meine ältere Schwester Gabi, die in der gleichen Stadt lebte, zeigte wenig Begeisterung dafür, dass ich ein so junges Ding heiraten wollte. Doch ich ließ mich nicht beirren.
Dann wurde Susanne schwanger, und wir heirateten früher als geplant. Ich freute mich darauf, Vater zu werden, doch sie zeigte wenig Begeisterung darüber, dass sie bald mit dickem Bauch herumlaufen würde. Ihre Karriere als Model sah sie plötzlich gefährdet, denn ihr gefiel es gut, im Rampenlicht zu stehen und vorerst sollte auch niemand von der Schwangerschaft erfahren. In den nächsten Wochen schien es, als hätte sie sich damit doch noch angefreundet, Mutter zu werden. Ich war glücklich.
Dass die schönste Zeit unserer Beziehung vorüber war erkannte ich, als sie mit zunehmendem Gewicht immer unleidlicher wurde. Sie fühlte sich hässlich und fiel in eine depressive Stimmung, aus der nicht einmal ich sie herausholen konnte. Man hatte ihr sogar das Angebot gemacht, für Umstandsmode zu modeln, doch Susanne war daraufhin nur in Hysterie ausgebrochen. Sie nörgelte an allem und jedem herum und begann, alles Essbare, das ihr in die Hände fiel, in sich hineinzustopfen. Im fünften Monat besaß sie bereits einen Umfang wie im Achten. In der 32. Schwangerschaftswoche erlitt sie eine Fehlgeburt, und sie begann danach sofort, ihren Körper ausgiebig zu trainieren, um bald wieder auf dem Laufsteg stehen zu können Sie hungerte und wurde unausstehlicher denn je. Mein ganzes Zureden, die Dinge langsam anzugehen, half nichts.
„Hättest du mich nicht geschwängert, wäre das alles nicht passiert.“ Solche und andere, weit weniger freundliche Sätze musste ich mir in der nächsten Zeit anhören. Wo war meine Susanne? Wo war das hübsche, immer freundlich lächelnde Wesen, in das ich mich einst verliebt hatte? Sie wurde mir immer fremder.
Als die Agenturen kein Interesse mehr an Susanne zeigten, war sie vorerst am Boden zerstört und tobte wie eine Wilde. Sie beruhigte sich allerdings rasch wieder und verbrachte fortan die Vormittage im Bett, die Nachmittage mit Freundinnen in der Stadt beim Shoppen und die Abende in Discos, Bars oder im Kino. Meist wurde es dann Mitternacht, bis sie nach Hause kam. Was ich auch zu ihrem plötzlichen Lebenswandel sagte, darüber lachte sie nur und sagte kalt:
„Das ist alles deine Schuld!“
In der folgenden Zeit wurde das Zusammenleben immer unerträglicher. Nachdem Susanne ihr als Model verdientes Geld mit vollen Händen ausgegeben hatte, wandte sie sich an mich.
„Wenn du glaubst, ich finanziere dir dein ausschweifendes Leben, dann irrst du dich gewaltig.“, hielt ich ihr vor.
„Sollte dich der Haushalt nicht auslasten, dann gehe doch wieder arbeiten. Vielleicht hast du Glück und kannst in deinen ehemaligen Beruf zurück.“
„Nachdem ich es geschafft hatte, Schönheitskönigin zu werden, arbeite ich doch nicht wieder als Dekorateurin im Kaufhaus.“, stieß sie verächtlich zwischen den Lippen hervor. Ich gab darauf keine Antwort und verließ das Zimmer.
„Du bist schließlich verpflichtet, mich zu versorgen“, brüllte sie noch hinter mir her. Ich konnte mir schon denken, was sie unter „verpflichtet“ verstand. Nun, da sollte sie sich aber getäuscht haben. Ich ließ mein Konto sperren, und überwies ihr monatlich Geld für den Haushalt und andere Dinge, die eine Frau so brauchte. Inständig hoffte ich ja, dass sie bald wieder zur Vernunft kam, und unser Zusammenleben noch eine Chance hätte. Aber Susanne gab das Geld für alles Mögliche aus, nur nicht für den Haushalt. So hatte ich es mir zur Gewohnheit gemacht, an den Samstagen die Wohnung selbst sauber zu machen. Eine warme Mahlzeit bekam ich bei Gabi, die mir dann jedes Mal vorhielt, was für ein Dummkopf ich gewesen war.
So wie bisher konnte es nicht weitergehen, und ich dachte daran, mich nach zweijähriger Ehe von Susanne zu trennen.
Und dann hatte ich diesen Bericht beim Arzt gelesen.
Im Internet suchte ich nach dem besagten Ort, nicht weit von Freudenstadt entfernt, und schaute mir die Bilder an. Malerisch lag das knapp 900-Seelendorf eingebettet zwischen Tannenwäldern und dem Murgtal.
Bisher hatte ich immer geglaubt, wir Männer seien weniger romantisch, als Frauen, doch ich wurde eines Besseren belehrt: Ich hatte mich auf Anhieb in dieses Fleckchen Erde verliebt, das ich nicht einmal persönlich kannte.
Doch das sollte sich schon bald ändern, denn an einem wunderschönen Sonntagmorgen setzte ich mich ins Auto und ließ Saarbrücken hinter mir. Eine ganze Woche wollte ich im Murgtal bleiben und mir die Gegend anschauen. Susanne zeigte für mein Vorhaben, allein Urlaub zu machen, keinerlei Verständnis, doch das hatte ich auch nicht erwartet. Froh, wenigstens für acht Tage ihre Launen nicht ertragen zu müssen, legte ich noch 200 Euro zusätzlich auf den Küchenschrank, bevor ich ging.
Ich kam auf der Autobahn gut voran. Um die Mittagszeit war ich bereits an meinem Ziel angelangt.
Was für ein Unterschied, schoss es mir durch den Kopf, als ich die Dorfstraße entlang fuhr. Ein paar Kinder kamen mir auf ihren Fahrrädern entgegen und der ganze Stress und der Alltagstrott fielen von mir ab. Mühelos fand ich den „Blauen Anker“, in dem ich mir über Internet schon ein Zimmer hatte reservieren lassen. Herr Weiden, der Wirt des Gasthofes, empfing mich freundlich und brachte mich sogar persönlich auf mein Zimmer.
„Unsere Küche ist bis 14 Uhr geöffnet, falls Sie noch zu Mittag essen möchten. Abends dann ab 18 Uhr.“, sagte er.
Da ich tatsächlich großen Hunger verspürte, wusch ich mir nur rasch die Hände und machte mich auf den Weg ins Speiselokal.
Das erste Mal seit langem aß ich wieder mit großem Appetit. Das Essen schmeckte hervorragend, und ich trank sogar zur Feier des Tages einen trockenen Rotwein dazu. Anschließend klärte ich noch die Formalitäten ab. Nachdem ich ausgepackt hatte, machte ich einen ausgiebigen Spaziergang durch das Dorf. Die Sonne schien von einem strahlend blauen Himmel und ich fühlte mich so unbeschwert wie schon seit einer Ewigkeit nicht mehr.
So vergingen die ersten Tage. Ich lernte die nähere Umgebung und einige Menschen kennen. Am Mittwoch besichtigte ich die Kirche des Ortes und wanderte weiter, bis ich an die Schule kam. Dort schienen die Kinder gerade Pause zu haben, denn sie spielten auf dem Hof Fußball. Ich schaute ihnen dabei zu und dachte plötzlich an Susanne und mein Kind, das nicht leben durfte. In einigen Jahren wäre es auch zur Schule gegangen und hätte sicher Fußball gespielt.
„Was machen Sie hier?“, eine Frauenstimme riss mich aus meiner Versunkenheit, und ich drehte mich erschrocken um.
„Verschwinden Sie, sonst rufe ich die Polizei.“ Sie meinte es ernst, das erkannte ich sofort an ihrem Gesichtsausdruck. Doch was ich nicht verstand, war ihr Verhalten mir gegenüber.
Da läutete es und die energische Dame wandte sich zum Gehen.
„Ich hoffe, Sie lassen sich hier nicht noch einmal blicken.“, sagte sie und verschwand. Ich schüttelte den Kopf und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Sie hatte mich anscheinend für einen Bösewicht gehalten. Da ich dies aber nicht auf mir sitzen lassen konnte, entschloss ich mich, die Sache aufzuklären.
„Marco!“, hörte ich da meinen Namen rufen, oder war gar nicht ich gemeint?
„Marco Kluge! Mensch Junge, bist du es wirklich?“ Dann galt der Ruf also doch mir, und ich drehte mich um. Ein Mann, etwa in meinem Alter, kam auf mich zu. Ich erkannte in ihm Fred Winkler, mit dem ich zusammen die Schulbank gedrückt und das Abitur gemacht hatte. Während Fred anschließend Pädagogik studierte, absolvierte ich nur eine Lehre in der Elektronik. Der Kontakt zwischen uns riss ab und wir verloren uns aus den Augen. Ich traf irgendwann einmal seine Mutter, die mir erzählte, Fred würde als Lehrer in Stuttgart arbeiten, das musste schon gut zehn Jahre zurück liegen.
„Freddi, machst du etwa auch Urlaub?“, fragte ich verdutzt.
„Urlaub? Du bist gut, ich lebe hier und bin seit einem (letztem) Jahr der Schulleiter.“
Nun erzählte er mir in wenigen Sätzen, dass er vor längerer Zeit als Aushilfslehrer für sechs Monate an die hiesige Grundschule versetzt worden war. Damals verliebte er sich nicht nur in diese Gegend, sondern auch in die Frau seiner Träume. Kurzerhand stellte er Antrag auf Versetzung, und das wurde ihm auch genehmigt.
„Seitdem bin ich nun hier und habe es noch keinen Tag bereut.“ Fred sah zur Uhr. „Ich komme gerade von einer Gemeindeversammlung, jetzt habe ich in zehn Minuten eine Besprechung. Du musst mich entschuldigen, aber möchtest du nicht heute Abend zu uns auf ein Gläschen Wein kommen? Dann lernst du auch meine Miriam und unsere Zwillinge kennen.“ Ich nahm diese Einladung dankend an.
Fred nannte mir noch die Adresse und ging.
Im „Blauen Anker“ aß ich, wie an jedem Tag, zu Mittag, und fuhr anschließend mit dem Auto in der wunderschönenLandschaft herum. Ich fühlte mich so wohl wie schon lange nicht mehr und vermisste weder Susanne noch den Rummel der Großstadt. Hier fand ich endlich Ruhe und Muse, einmal etwas für mich selbst zu tun. Zeit schien in dieser Umgebung eine ganz andere Bedeutung zu haben, und mir graute schon davor, am Sonntag zurück zu fahren.
Ich freute mich auf den Abend bei den Winklers und dachte plötzlich wieder an die kleine Szene vor dem Schultor. Sicherlich würde ich die energische Dame nicht nochmals treffen. Pünktlich um 19:00 Uhr klingelte ich an der Tür des hübschen, kleinen Reihenhauses. Frau Winkler öffnete.
„Sie sind sicher Marco, hab ich Recht?“, fragte sie freundlich.
„Ja, es freut mich, Freddis Frau kennen zu lernen.“
„Nennen Sie mich ruhig Miriam, Frau Winkler klingt irgendwie ungewohnt.“ Sie lachte und gewann damit sofort meine Sympathie. Ich lernte auch noch Florian und Larissa, die Zwillinge kennen. Sie waren zwei Jahre alt und Miriam brachte sie kurz nach der Begrüßung ins Bett.
„Setz dich, alter Junge.“, forderte mich Fred auf. „Ich bin wirklich froh, dich so unverhofft getroffen zu haben. Hast du noch Kontakt mit der Klasse?“
Ich nannte ihm ein paar Namen aus unsrem Jahrgang, die ich hin und wieder traf, es bestand jedoch kein Dauerkontakt. Das Telefon klingelte und Fred nahm ab. In diesem Augenblick läutete es auch an der Haustür.
„Öffnest du bitte, Marco, ist sicher Liliane, Miriams Schwester.“, bat er mich, „Sie unterrichtet auch hier an derSchule.“
Ich machte die Haustür auf und glaubte, mein Herz setze aus. Draußen stand keine Geringere, als die energische Dame, die mich so unfreundlich vor dem Schultor zurechtgewiesen hatte. Ich glaube, sie war genauso erschrocken, wie ich.
Ein paar Sekunden standen wir uns stumm gegenüber, dann machte ich ihr Platz, damit sie eintreten konnte.
„Sie sind also Freds Schulfreund, den ich unbedingt kennen lernen soll.“, sagte sie mit leiser Stimme. In diesem Moment kam Miriam die Treppe vom Obergeschoss herunter. Sie begrüßte ihre Schwester und machte uns miteinander bekannt. Die Verlegenheit zwischen Liliane und mir bemerkte sie zum Glück nicht. Wir setzten uns ins Wohnzimmer. Fred hatte sein Telefonat beendet und goss gerade Wein in vier Gläser. Dann reichte er jedem eines, und wir prosteten uns zu.
In den nächsten zwei Stunden erzählte ich von meinem Computergeschäft und natürlich auch, dass ich seit zwei Jahren verheiratet bin. Wie es allerdings um diese Ehe bestellt war, verschwieg ich. Auch Fred berichtete, was er in den letzten Jahren gemacht hatte. Die Frauen hörten uns aufmerksam zu.
„Warum ist Ihre Frau denn nicht mitgekommen?“, fragte Liliane so unverhofft, dass ich erst einmal gar nichts erwidern konnte. Dann sagte ich kurz:
„Sie hatte andere Pläne.“
Liliane schien sich mit dieser Antwort zufrieden zu geben und wir unterhielten uns nun über Belanglosigkeiten. Gegen halbZwölf erhob ich mich.
„Es wird allmählich Zeit, aufzubrechen und ihr müsst morgen sicher früh aus den Federn. Ich habe den Abend sehr genossen und hoffe, wir können ihn noch einmal wiederholen, bevor ich Sonntag heimfahre.“
„Das machen wir bestimmt.“, freute sich Fred und Miriam stimmte ihm zu.
„Für mich wird es auch Zeit.“ Liliane hatte sich ebenfalls erhoben.
„Liliane ist zu Fuß gekommen, würdest du sie begleiten?“, fragte Fred mich. Ich bejahte und wir verabschiedeten uns.
„Ich sollte mich wohl für meine Reaktion heute Morgen entschuldigen. Aber Sie müssen doch zugeben, dass Sie sich sehr eigenartig dort vor dem Schulgebäude verhalten haben.“, begann nach einem Moment des Schweigens Liliane unsere Unterhaltung.
„Ich habe den Kindern nur beim Fußball zugeschaut, was ist daran verwerflich? Ist denn jeder, der das tut, schon ein Krimineller?“
„Natürlich nicht. Doch es geschehen so viel Verbrechen, hauptsächlich an Kindern, und davor muss man sie schützen. Andererseits, wem steht es denn schon im Gesicht geschrieben, ob er anständig ist oder nicht?“
Da musste ich Liliane zustimmen, doch wir einigten uns darauf, diese peinliche Angelegenheit nicht mehr zu erwähnen.
Liliane bewohnte eine kleine Zwei-Zimmerwohnung in einem 4-Familienhaus. Sie schloss die Eingangstür auf und wir wünschten uns eine Gute Nacht.
„Wollen wir uns morgen nach Ihrem Unterricht treffen?“, fragte ich noch, bevor sie im Hausflur verschwand. Ich hoffte auf eine Zusage.
„Was würde Ihre Frau dazu sagen?“, fragte sie überrascht.
„Darüber mache ich mir kaum Gedanken, zumal ich Sie ja lediglich um eine Verabredung bitte.“
„Ich habe um 13 Uhr Schulschluss. Wir könnten anschließend in einen kleinen Gasthof außerhalb des Dorfes zum Essen gehen. Aber nur, wenn es Ihnen Recht ist.“, meinte sie zaghaft.
Mir gefiel der Vorschlag und wir verblieben so.
An diesem Abend schlief ich lange nicht ein, weil ich an meine Begegnung mit Liliane denken musste. Auch der gemeinsame Abend mit Fred und Miriam zog noch einmal in Gedanken an mir vorüber.
Hatte ich Liliane anfangs für etwas kühl gehalten, so musste ich diese Meinung in den letzten Tagen meines Urlaubs revidieren. Wir trafen uns so oft es möglich war, und am Samstagmittag lud Fred zum Grillen ein. Es war ein herrlicher Tag und ich konnte kaum glauben, dass meine Zeit dem Ende zuging. Die schönen Stunden bei den Winklers vergingen leider viel zu schnell und dann nahte der Abschied.
„Schade, dass du morgen schon wieder nach Saarbrücken musst.“, bedauerte Fred, und Miriam meinte:
„Komm uns doch recht bald wieder einmal besuchen.“ Das versprach ich. Wir hatten uns alle auf das Du geeinigt.
Ich umarmte Miriam zum Abschied, klopfte Fred freundschaftlich auf die Schulter und machte mich mit Liliane auf den Heimweg. Wir schwiegen eine Weile, dann fragte ich zaghaft:
„Möchtest du auch, dass ich wiederkomme?“
„Es ist nicht meine Art, mich in eine Ehe einzumischen, Marco. Also ist es besser, wir sehen uns nicht wieder.“
„Ich wünsche es mir aber wirklich, Liliane, und meine Ehe..“, ich unterbrach meinen Satz und schwieg einen Moment,
„Das ist eine Sache, über die ich nicht reden möchte. Nun, willst du mich wieder sehen?“ Ich wartete auf ihre Antwort.
Wir waren vor ihrer Wohnung stehen geblieben.
„Also gut, ich würde mich auch über ein Wiedersehen freuen. Bist du nun zufrieden?“
Ich nahm sie behutsam in den Arm und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange.
„Ja, Liliane. Ich komme wieder, darauf hast du mein Wort.“
Die folgende Zeit möchte ich gar nicht erst beschreiben. Alles lief so weiter, wie es vor meinem Kurzurlaub gewesen war. Susanne gab das Haushaltsgeld mit vollen Händen aus und hatte nicht einmal ein schlechtes Gewissen dabei, selbst ihre Freundinnen anzupumpen. Auch der Gedanke, arbeiten zu gehen, gefiel ihr immer noch nicht.
Ich dachte sehr oft an Liliane. Fragte mich, ob ich in sie verliebt sei und kam zu dem Resultat, dass diese hübsche Dorfschullehrerin mir auf jeden Fall sehr gut gefiel.
An Liebe wollte ich jetzt noch nicht denken, denn die Enttäuschung mit Susanne war noch viel zu frisch.
Eines Tages, es war etwa vier Wochen nach meinem kleinen Urlaub in das Schwarzwaldparadies, flatterte eine Rechnung auf meinen Schreibtisch im Büro, die mir fast den Atem stocken ließ. Ich sollte an ein Versandhaus eine Summe in vierstelliger Höhe zahlen. An diesem Abend ging ich früher als sonst nach Hause und wartete, bis Susanne heimkam. Ihrem erstaunten Blick entnahm ich, dass sie ziemlich verwundert über meine Vorwürfe war.
Um keine Zeit zu verschwenden, ging ich sogleich auf mein Ziel los und stellte sie zur Rede. Keineswegs würde ich auch nur im Entferntesten daran denken, diese Rechnung zu zahlen. Als ich ihr das mitteilte, brach sie zuerst in Tränen und danach in Zorn aus.
Ich gab ihr monatlich tausend Euro, und das, obwohl sie weder kochte noch für Sauberkeit sorgte. Vorräte existierten nur so viel, wie sie selber für sich benötigte. Da ich entweder bei Gabi, oder im Gasthaus aß, für meine Kleidung ebenfalls selbst sorgte, fragte ich sie jetzt, für wen oder was sie dieses Geld Monat für Monat ausgab?
Ich wartete nicht erst, bis sie mir irgendwelche Lügen auftischte, und ging sofort in ihr Schlafzimmer – wir schliefen getrennt. Ich riss die Türen zu ihrem Kleiderschrank auf und fiel fast aus allen Wolken. Was sich mir bot, war kaum zu glauben. Der Schrank platzte bald aus den Nähten, und ich konnte mir nun diese hohe Rechnung erklären.
„Nun ist es endgültig genug, Susanne. Ich werde mich von dir scheiden lassen.“
„Dann tu’s doch. Unterhalt musst du mir sowieso zahlen.“, lachte sie schrill und knallte die Schranktüren zu.
„Das werden wir ja sehen.“, sagte ich mit ruhiger Stimme und wunderte mich, dass ich so gefasst war.
Wieder vergingen drei Wochen. Ich war nach der letzten Unterredung mit Susanne in einen Gasthof gezogen. Mein Angebot, ihr vorerst die Wohnung zu überlassen, lehnte sie ab und fand bald bei einer Freundin Unterschlupf. Wenn sie allerdings geglaubt hatte, ich finanziere ihre Faulheit bis in alle Ewigkeit, sollte sie sich getäuscht haben. Zum Glück fand ich einen fähigen Anwalt, der für mich alles regelte, auch die vorläufige finanzielle Unterstützung für Susanne. Dann bot ich meine Geschäftsanteile zum Kauf an. Martin, mein Partner, nahm diese Entscheidung zwar zähneknirschend zur Kenntnis, doch er wollte mir keinerlei Steine in den Weg legen. Nach einer Woche stellte er mir einen Bekannten (von sich) vor, der sich als seriöser Käufer entpuppte.
Alles ging erfreulicherweise gut voran. Nachdem ich mein Girokonto aufgelöst und das Geld aus dem Verkauf meines Geschäftsanteils auf ein Sparbuch eingezahlt hatte, hielt mich nichts mehr in Saarbrücken. Ich war nur von dem einen Gedanken beflügelt, so schnell wie nur möglich fort zu kommen. Auf die Scheidung konnte ich auch an meinem neuen Wohnort warten. Die genauere Anschrift würde ich meinem Anwalt mitteilen. Meine Eigentumswohnung behielt ich vorerst noch.
Ob Liliane sich wohl freut, wenn ich so bald schon wiederkomme, dachte ich im Stillen.
Wir telefonierten in den letzten Wochen zwar einige Male, doch ich verriet nichts von meinem baldigen Eintreffen in L.
Von Gabi und ihrer Familie fiel mir der Abschied schwerer, als ich gedacht hatte, doch wir wollten uns so oft besuchen, wie es ging.
Es war an einem frühen Sommerabend, als ich in meiner neu erwählten Heimat ankam. Bis ich eine Mietwohnunggefunden hatte, wollteich im „Blauen Anker“ wohnen. Ich überlegte, ob ich Fred und Miriam noch aufsuchen sollte, entschied mich aber dagegen. Stattdessen rief ich kurzerhand Liliane an, doch es war nur ihr Anrufbeantworter eingeschaltet.
Ich packte nur meinen kleinen Reisekoffer aus, weil ich gleich am nächsten Tag mit der Suche nach einer geeigneten Wohnung beginnen wollte. Nachdem ich eine Kleinigkeit gegessen hatte, versuchte ich nochmals, Liliane zuerreichen Jedoch erneut ohne Erfolg. So verschob ich meine Wiedersehensfreude auf den nächsten Tag.
Wie schon einmal stand ich vor dem hohen Zaun der Grundschule und beobachtete die Kinder beim Spielen. Jemand berührte von hinten meine Schulter und eine Stimme sagte:
„Ich glaube, ich habe Sie schon einmal verwarnt.“
Doch diesmal klangen die Worte nicht unfreundlich, sondern wurden von einem Lachen begleitet. Ich drehte mich um.
„Du hast gewusst, dass ich es bin?“, fragte ich verwundert und sie lächelte wieder.
„Ja Marco, ich habe dich schon von weitem erkannt. Wieder im Urlaub?“
„Nein, das heißt so lange, bis ich hier eine Arbeit gefunden habe.“
„Das musst du mir näher erklären.“, erwiderte sie. „Doch jetzt muss ich zum Unterricht. Holst du mich gegen 13 Uhr ab?“
Das versprach ich ihr gerne.
Seither ist ein halbes Jahr vergangen. Wenn ich auch immer noch nicht von Susanne geschieden bin, so ist es beruhigend zu wissen, dass sie jetzt wenigstens in einem Arbeitsverhältnis steht, wie mir mein Anwalt mitteilte.
Anfangs wohnte ich für einige Zeit bei Fred und Miriam, denn so leicht wie ich es mir gedacht hatte, fand ich keine Wohnung und im Gasthof wurde es allmählich zu kostspielig. Doch kurz vor Weihnachten konnte ich meine neue Bleibe beziehen. Liliane und ich sind seitdem unzertrennlich, fühlen uns zueinander hingezogen. Mittlerweile kennt sie auch die ganze Geschichte von Susanne und mir.
Meine neue Arbeit macht mir ebenfalls Freude, und ich bin sehr glücklich. Bis heute habe ich diesen Schritt nicht bereut, und denke oft an den Tag zurück, an dem ich lustlos in dieser Illustrierten blätterte. Ich hatte ein neues Zuhause gefunden, mein Paradies, meine Insel, fernab von Hektik und Lärm, wo die Menschen noch Zeit füreinander haben. Hier kann ich mir vorstellen, den Rest meines Lebens zu verbringen, hier können sogar Kinder noch unbeschwert heranwachsen.
Kinder! Ich hatte mir immer welche gewünscht. Doch wer weiß, was in ein paar Jahren sein wird? Um Vater zu werden, bin ich noch lange nicht zu alt. Aber ich will nichts überstürzen, und Liliane versteht das. Sie drängt mich auch nicht, mit ihr zusammen zu ziehen, obwohl ich öfter bei ihr übernachte als in meiner Wohnung. Ich bin gerne in ihrer Gesellschaft, aber den endgültigen Schritt bringe ich noch nicht über mich. Doch ich hatte mich damals schon in diesen Ort verliebt, warum also sollte ich nicht eines Tages auch Liliane offen meine Liebe gestehen können?